Schon lange plane ich, über dieses Thema einen Artikel zu schreiben. Da ich mich erst tätowieren lasse, seit ich selbst Tätowiererin bin, fehlt mir manchmal die Sicht aus der Perspektive eines Tattookunden, der keinen tieferen Einblick in das Tattoobusiness hat. Dementsprechend wäre ich selbst nie auf die Idee gekommen, dass Kunden sich die Frage stellen, ob ihr Stammtätowierer böse oder beleidigt ist, wenn sie zwischendurch den Tätowierer wechseln.
Sind Tätowierer enttäuscht, wenn Stammkunden sich woanders tätowieren lassen?

Die Beichte

Im Arbeitsalltag erlebe ich es inzwischen häufiger, dass Kunden mir ganz schüchtern „beichten“, dass sie in der Zwischenzeit ein anderes Tattoostudio aufgesucht haben.
Besonders schwer fällt es meinen Freunden, mir zu erzählen, dass sie „fremd gegangen“ sind. Jedes Mal muss ich über diese Art der Beichte schmunzeln. Ich habe auch schon erlebt, dass Stammkunden versuchen, ein neues Tattoo eines anderen Studios vor mir zu verstecken. Wenn ich sie auf die neue Tätowierung anspreche, reagieren manche Kunden regelrecht verschämt.

Eine klassiche Rose sollte jeder Tätowierer beherrschen. Früher war sie ein gern gewähltes Motiv in den großen Hafenstädten, wo die meisten Tätowierer ansässig waren.

Geschichte und Tradition

Wieder einmal möchte ich auf die Geschichte der westlichen Tätowierkultur hinweisen. Das Tätowieren wurde uns in erster Linie aus der Kultur der Seefahrer überliefert. Matrosen und andere Schiffsarbeiter ließen sich vor oder während der Seefahrten an verschiedenen Häfen Erinnerungen oder bestimmte Trophäen tätowieren. Der normale Matrose wäre niemals auf die Idee gekommen, sich nur in seinem Heimathafen tätowieren zu lassen. Diesen hat er nur so selten besucht, dass seine Sammelleidenschaft für Tattoos rasch verkümmert wäre, wenn er sich nur an einen Stammtätowierer gehalten hätte.

Es liegt also in der Tradition der Tätowierung, diese an verschiedenen Orten zu sammeln. Das gilt zumindest für unsere westliche Kultur, die keine Stammestätowierungen kennt.

Woher hat der Tätowierer seine Tattoos?

Auch, wenn manche Leute immer noch glauben, Tätowierer stechen sich die meisten Tattoo selbst, so ist es doch wahrscheinlicher, dass sie ihre Tattoos bei verschiedenen Künstlern gesammelt haben. Ich kenne keinen einzigen Tätowierer, der ausschließlich Tattoos von ein und derselben Person auf seinem Körper trägt. Warum sollte er also seinem Kunden ein ähnliches Vorgehen übel nehmen?

Auf diesem Arm ist nur der Schriftzug von mir tätowiert. Auch der Unterarm ist eine Mischung aus der Feder verschiedener Künstler. Warum sollte das ein Problem darstellen?

Termine, Zeit und Machbarkeit beim Stammtätowierer

Heutzutage sind viele Tätowierer stark ausgelastet und ausgebucht. Die meisten führen Wartelisten, vergeben Termine nur alle paar Monate oder tätowieren gar nicht mehr nach Kundenwunsch. In Anbetracht dieser Tatsache, ist es selbsterklärend, dass ein Tätowierer sich mit seinem Kunden freuen kann, wenn dieser einen spontanen oder zeitnahen Termin bei einem Kollegen bekommt.

Auch für Tätowierer ist es nicht angenehm, die Kunden immer wieder wegschicken oder vertrösten zu müssen, weil der Terminkalender aus allen Nähten platzt. Findet der Kunde einen anderen Tätowierer für sein Projekt, nimmt einem das keiner übel.

Stil und Motivwunsch

Ein anderer Aspekt ist der Stil oder der spezielle Motivwunsch, den der Kunde hegt. Merkt der Kunde, dass sein neuer Wunsch gar nicht in das Profil seines bevorzugten Stammtätowierers passt, so ist es für beide die beste Entscheidung, wenn der Kunde für dieses Projekt eine anderen Tätowierer auswählt. Der Kunde bekommt genau das Tattoo, welches er sich wünscht und der Artist muss sich nicht an Motiven abarbeiten, die nicht in sein Stilgebiet passen.

Vor allem kleine Tattoos werden nicht von jedem Künstler dankend angenommen. Hier macht es Sinn, sich einen Experten auf diesem Gebiet zu suchen, unabhängig davon, wen man als Stammtätowierer bevorzugt.

Fremde Tattoos weiter arbeiten

Kritisch wird dieses Thema an dem Punkt, wo der Kunde sich wünscht, ein bereits angefangenes Tattoo von einem anderen Artist fortführen zu lassen. Viele Tätowierer lehnen es ab, angefangene Tattoos von Kollegen zu beenden. Die Gründe dafür sind vielfältig. Vielleicht passt das Tattoo nicht zu seinem Stil, vielleicht ist es so schlecht gestochen, dass er glaubt, es nicht retten zu können, vielleicht möchte er seinem Kollegen nicht in sein Handwerk pfuschen.

Egal, welchen Grund der Kunde vorbringt, um sein angefangenes Tattoo nicht im ursprünglichen Studio beenden zu lassen, die Sache nach einem neuen Künstler wird häufig schwierig.

Wenn der Tätowierer beleidigt ist

Nicht alle  teilen meine Meinung, dass es absolut in Ordnung ist, wenn Kunden den Tätowierer wechseln. Immer wieder kommen mir Geschichten zu Ohren, dass der Stammtätowierer sauer oder beleidigt reagiert, wenn er vom Studiowechsel des Kunden erfährt. Ein solches Verhalten finde ich aus den oben angesprochenen Gründen unangebracht und unprofessionell. Doch auch in diesem Fall gibt es Ausnahmen. Lässt der Kunde beispielsweise ein angefangenes Bild bei einem anderen Tätowierer weiter stechen, kann man sich schon ärgern, wenn als Begründung angeführt wurde, dass der Konkurrenz-Tätowierer günstiger war oder schneller Termine frei hatte.

Zusammenfassend ist es mir wichtig zu betonen, dass niemand ein schlechtes Gewissen haben sollte, wenn er den Tätowierer wechselt oder mal einen anderen, als den Stammtätowierer aufsuchen möchte.