Diesen Satz über mein Äußeres als Tätowiererin muss ich mir ständig anhören. Deswegen schreibe ich heute einen Artikel zu diesem Thema. Wie muss eine Tätowiererin aussehen, um als solche erkannt zu werden? Oder anders gefragt: wie muss sie aussehen, um als Tätowiererin respektiert zu werden? Vielleicht bin ich überempfindlich, aber ich höre in diesem Satz immer auch ein gewisses Misstrauen in meine Professionalität heraus. Es gibt einen Unterschied im Ton, wenn ich diesen Satz zu hören bekomme. Bei manchen ist er bewertend und somit meistens abwertend. Andere äußern den Satz eher mit Erstaunen, wieder Anderen hört man Erleichterung an.

Wie sehe ich aus?

Obwohl ich seit zehn Jahren tätowiere und heute im Jahr 2018 auch schon 31 Jahre alt bin, habe ich bisher verhältnismäßig wenige Tätowierungen. Vor allem im sichtbaren Bereich habe ich mit Hautbildern gegeizt. Weder mein Hals, noch mein Dekolleté oder meine Hände weisen Tätowierungen auf. Die 18 Tätowierungen, die ich trage sind, bis auf die an meinen Armen, im Alltag durch Kleidung verdeckt. Piercings trage ich mittlerweile keine mehr.
Meine Haare habe ich vor gefühlt 100 Jahren zu Dreadlocks gemacht, die mittlerweile bis zum Po reichen. Meinen Kleidungsstil kann ich schwer beschreiben. Ich mag konservative Kleidungsstücke, wie Strickjacken und Blazer und trage Schwarz ebenso gern, wie gedeckte Bunttöne. Alles in Allem bin ich also, bis auf die Haare, kein auffälliger Typ.

„Guten Tag, haben Sie einen Moment, um über Gott zu sprechen?“

Wie sieht eine Tätowiererin aus?

Wie sieht das gesellschaftliche Leitbild für eine Tätowiererin aus? Wahrscheinlich muss sie stark tätowiert sein, sodass mehr als die Hälfte der sichtbaren Hautflächen tätowiert sind. Viele haben sofort die wunderbare Kat von D im Kopf, die jahrelang im Fernsehen das Leitbild für eine Tätowiererin prägte. Wahrscheinlich erwarten die Menschen gewagte Tätowierungen an Fingern, Hals und Gesicht. Abgerundet wird dieses Bild durch Piercings oder gedehnte Ohrlöcher, sowie einen extravaganten Kleidungsstil.

Warum gibt es Stereotypen?

Wahrscheinlich gibt es für jeden Beruf einen bestimmte Stereotypen, den man im Kopf hat, wenn man an diesen Beruf denkt. Ich frage mich, ob Menschen sich absichtlich diesem Normbild annähern oder ob das sozusagen automatisch passiert. Wenn dir noch nicht ganz klar ist, was ich meine, nenne ich ein paar Beispiele.
Ein Architekt ist häufig sehr schlicht und hochwertig gekleidet. Oftmals trägt er eine Brille, die der neusten Brillenmode entspricht.
Eine Krankenschwester wird immer jung, schlank, blond und attraktiv dargestellt.
Sekretärinnen tragen einen schwarzen Bleistiftrock, eine Bluse, hohe Schuhe und einen Dutt.
Bauarbeiter haben einen Bierbauch, hässliche Tätowierungen und sind nicht sorgfältig rasiert.
IT-ler tragen eine Brille, achten nicht auf ihr Äußeres und sehen wie ein Nerd aus.

Ist es angebracht, Menschen auf ihre Abweichung vom Normbild hinzuweisen?

Natürlich treffen diese Beschreibungen nicht auf jeden Menschen zu, der in den genannten Branchen arbeitet. Ist es höflich und angebracht, ihnen das zu sagen, dass sie nicht dem der Stereotype entsprechen, die man im Kopf hat? Ich denke nicht, denn entweder beleidigt man damit einen ganzen Berufsstand, wenn man die Person als besser aussehend betrachtet oder man beleidigt die angesprochene Person, wenn der Berufsstand im Allgemeinen ein sehr positives Normbild verkörpert.

Wie verhält es sich beim Tätowierberuf?

Wahrscheinlich haben die meisten Menschen ein negatives Bild im Kopf, wenn sie sich einen Tätowierer oder eine Tätowiererin vorstellen. Es kursieren immer noch die Gerüchte, dass Tätowierer Drogen nehmen, dem Alkoholmissbrauch nicht abgeneigt sind und überhaupt keinen gesunden und soliden Lebensstil pflegen. Tätowierer und wahrscheinlich auch Tätowiererinnen müssen ein bisschen gruselig und abschreckend aussehen. Schließlich ist der Beruf immer noch nicht staatlich anerkannt. Ihm haftet immer noch der Beigeschmack des Halblegalen an und bestimmt sind wir alle Outlaws. Das erwartet der Kunde auch in unserem Erscheinungsbild.
Andererseits beschäftigen wir uns in unserem Beruf den ganzen Tag mit Äußerlichkeiten und der Modifizierung des Äußeren. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Tätowierer und Tätowiererinnen ihr Äußeres in größerem Maße verändern und gestalten, als der Durchschnittsbürger. Manche Tätowiererinnen tragen nicht nur viele Tattoos, sie sind auch geschmückt, wie ein Zirkuspferd (ich mag Zirkuspferde) und tragen aufwendige Frisuren.

Warum ich nicht wie eine typische Tätowiererin aussehe

Beim Lesen der ersten Absätze ist dir sicher schon aufgefallen, dass mich das Thema sehr ärgert. Das hat mehrere Gründe. Ich bin selbst nicht glücklich mit der Tatsache, dass ich verhältnismäßig wenige Tätowierungen habe. Wir alle, du, ich und alle, die diesen Blog lesen, lieben Tätowierungen und hätten folglich gerne mehr davon. Jedoch sind die meisten Tätowierer hoffnungslos ausgebucht und warum sollte es mir besser gehen, als dir, wenn ich einen Tätowiertermin vereinbaren möchte? Im Jahr 2018 habe ich fünf Anfragen an verschiedene Tätowierer gestellt. Vier davon wurden aus Zeitgründen abgelehnt. Folglich habe ich in 2018 nur eine neue Tätowierung bekommen.

Natürlich habe ich liebe Kollegen, mit denen ich mich jederzeit auf eine gemütliche Tätowierrunde am Wochenende treffen könnte. Doch auch Tätowierer möchten mal ein Tattoo von einem Künstler haben, der uns gänzlich unbekannt und nicht in unserer Freundesliste anzutreffen ist.
Ich persönlich möchte gerne viele Tätowierungen von ganz verschiedenen Künstlern auf meinem Körper tragen. In diesem Fall komme ich genau so auf die Warteliste, wie jeder andere Kunde auch. Ein solches Vorhaben braucht natürlich viel mehr Zeit, als würde ich mich alle paar Monate von befreundeten Kollegen tätowieren lassen.

Auffällig ist anders…

Auch Tätowierer haben das Recht, anders auszusehen

Abgesehen vom Thema der Tätowierungen ist mein Erscheinungsbild ebenfalls konservativ. Ich mag an mir selbst keine Piercings. Dafür mag ich Lacoste-Poloshirts. Auch trage ich gerne dezenten Schmuck, der nicht sofort ins Auge springt. Die meisten Menschen würden wohl auf eine vegan lebende Sozialarbeiterin, die sich im Umweltschutz engagiert tippen, wenn sie mich auf der Straße einordnen müssten. Mein Aussehen ist meine ganz persönliche Entscheidung und ich möchte diese nicht rechtfertigen oder erklären müssen. Ich hoffe, dass dieser Artikel einige Leser zum Nachdenken gebracht hat, nicht nur in Bezug auf den Tätowierberuf. Es kann verletzend wirken, wenn man Menschen sagt, dass sie nicht in die Schublade passen, in der sie sich zuhause fühlen.

Niemand möchte ungefragt bewertet werden

Auch die Tätowierer und Tätowiererinnen, die der von der Gesellschaft erwarteten Norm entsprechen, erleben oft unerfreuliche Reaktionen ihrer Mitmenschen im Alltag. Wer stark tätowiert ist und sich zusätzlich auffällig kleidet, schminkt und schmückt, dem widerfährt häufig Ablehnung in ungefragten Äußerungen im öffentlichen Raum. Manche werden jetzt denken: „Wer so aussieht, möchte doch auffallen und weiß, dass er Reaktionen provoziert.“ Dem möchte ich nur begrenzt zustimmen. Natürlich möchte derjenige oder diejenige anders aussehen, er oder sie hat seine äußere Erscheinung selbst gewählt. Das heißt jedoch nicht, dass er oder sie permanent Feedback von fremden oder nur flüchtig bekannten Personen erhalten möchte. Die Gründe, warum jemand sein Äußeres so oder anders gestaltet sind nicht nur auf den Grund der Provokation zu reduzieren. Die Gründe können sehr persönlich sein und nichts mit einer gewünschten Bewertung durch Andere zu tun haben. Menschen, die vom Normbild abweichen, sind kein Freiwild, es ist unhöflich ihnen ungefragt die eigene Meinung an den Kopf zu werfen.

Wenn du das anders siehst oder eine eigene Erfahrung beitragen möchtest, schreibe es gerne in die Kommentare!