Multitalent Tätowierer – was wir können müssen

Wie viele meiner Leser wissen, steht für mein Tattoostudio im Frühling ein Umzug an. Die Planungsarbeiten und der damit verbundene Stress inspirieren mich zu einem neuen Blogartikel. Dieser wird eine Lobeshymne an alle Tätowiererinnen und Tätowierer. Ich hoffe, du verstehst mich nicht falsch und bekommst plötzlich den Eindruck, ich sei extrem eingebildet oder übertrieben stolz. Viel mehr möchte ich aufzeigen, welche vielfältigen Aufgaben meine Kolleginnen und Kollegen hinter den Kulissen leisten müssen und warum man sie durchaus als Multitalente bezeichnen kann.

Das Handwerk Tätowieren

Tätowieren ist kein Ausbildungsberuf

Auch auf die Gefahr hin, dass diesen Satz keiner mehr hören kann, stelle ich ihn ganz an den Anfang meines Artikels. Tätowieren ist immer noch kein Ausbildungsberuf, hat keine Kammerzugehörigkeit und ist nicht staatlich anerkannt. Im Gegensatz zum Glauben vieler Menschen da draußen, macht dies den Berufseinstieg nicht unbedingt leichter.
Natürlich kann jeder, der das möchte, sich einfach beim Gewerbeamt seiner Kommune oder Stadt einen Gewerbeschein ausstellen lassen und anfangen zu tätowieren, doch die meisten von uns wären sicher froh gewesen, eine fundierte und ganzheitliche Ausbildung erfahren zu haben.

Jeder Tätowierer startet bei Null

Jetzt denkst du dir vielleicht: „Ich bin in meiner Ausbildung oder meinem Studium auch bei Null gestartet.“ Dem möchte ich widersprechen. Jeder, der eine Ausbildung, in welcher Form auch immer, durchläuft, startet nicht bei Null. Er oder sie startet auf einem soliden Fundament, auf dem Wissen und der Erfahrung seiner Lehrer und Ausbilder.
Alle Lernenden in anerkannten Berufszweigen durchlaufen ein durchdachtes System, das ihnen die Fähigkeiten vermittelt, die sie zur Ausübung ihres Berufes benötigen. Eine Prüfung am Ende bestätigt den Erhalt der Kompetenzen und sie starten mit der Sicherheit der Anerkennung ihres Könnens ins Berufsleben.

Viele Tätowierer haben sich alles selbst beigebracht

Die wenigsten von uns hatten in der Vergangenheit das Glück, in einem etablierten Tattoostudio eine ausreichend lange Zeit lernen zu können. Meiner Einschätzung nach, hat mindestens die Hälfte aller gewerblichen Tätowiererinnen und Tätowierer sich das Handwerk zum größten Teil selbst beigebracht oder aber in verschiedenen Studios häppchenweise bei verschiedenen Vorbildern abgeschaut.
Niemand hat ihnen gesagt, wann sie „fertig“ oder „professionell“ sind. Der fehlende Gesellen- oder Meisterstatus führt nicht selten zu jahrelangen Selbstzweifeln, zu einem ausgeprägten Perfektionismus oder zu einer völligen Selbstüberschätzung.

Hate, Konkurrenzkampf, böses Blut

Wahrscheinlich kommt daher auch die viele schmutzige Wäsche, die zwischen konkurrierenden Tattoostudios gewaschen wird. In manchen Städten und Kreisen ist es besonders schlimm, sodass jedes Studio über das benachbarte Studio die schlimmsten Geschichten erzählen kann. Ich kenne keine andere Branche, in der so viel Missgunst gedeiht, wie in der unseren. Vielleicht wäre das anders, wenn eine übergeordnete Instanz, die eigenen Fähigkeiten und die des Kollegen durch eine für alle gleiche Prüfung und eine Urkunde bestätigt.

Auch mir kamen schon verletzende Gerüchte über meine Arbeit zu Ohren. Andere Tätowierer wussten zu berichten, dass ich arge Probleme mit dem Gesundheitsamt habe und dass ich meine Farben illegalerweise selbst herstelle. Es ist nicht schwer, solche Gerüchte zu widerlegen, aber umso schwerer, ihre virale Verbreitung zu stoppen.

Was wir sonst noch können müssen

Wenn es nur das Handwerk wäre

…hätte jeder von uns genügend Zeit, alles, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, ausreichend zu erlernen und zur Perfektion zu bringen. Leider erfordert der Beruf des Tätowierers noch eine Vielzahl anderer Fähigkeiten, die man sich zusätzlich selbst beibringen und verinnerlichen muss.

Einen Betrieb führen

Erst gestern konnte ich eine gute Freundin herzlich zum Lachen bringen, in dem ich ihr erzählte, dass meine geschäftliche Kalkulation „nach Gefühl“ abläuft. Ich entscheide aus dem Bauch heraus, wie viel Budget ich pro Monat in Material, Werbung, Rücklagen und Fortbildung investiere. Mein eigenes Gehalt variiert von Monat zu Monat, je nachdem, was ich glaube, mir selbst auszahlen zu können. Natürlich ist dieses Vorgehen nicht sonderlich verantwortungsvoll und jedem gelernten Buchhalter stehen jetzt die Haare zu Berge.
Leider habe ich es, wie fast alle meiner Kolleginnen und Kollegen, nicht gelernt, einen Betrieb zu führen. Ich bin froh, dass mein Steuerberater sehr starke Nerven hat, wenn ich einmal pro Jahr mit einer Kiste voller Papier zu ihm ins Büro marschiere.

Preise kalkulieren

…will auch gründlich gelernt sein. Warum sollte ich als Selbstständiger nicht unter einem Stundenlohn von 100 Euro arbeiten? Wie kalkuliere ich meine unbezahlten Urlaubs- und Krankentage ein, sowie die Tage, an denen mein Kunde nicht auftaucht? Warum sollte ich für ein 20-Minuten-Tattoo trotzdem mindestens 50 Euro berechnen? Falls du Tätowierer oder Tätowieren bist und dir diese Fragen schon lange stellst, lies bitte diesen Artikel.

Die Angst, etwas falsch zu machen, sich zu verkalkulieren, einen Fehler in der Steuererklärung zu machen oder es sich mit den Behörden zu verscherzen, arbeitet immer mit.

Kundenbetreuung

Wer von uns Tätowierern nicht vorher schon im Dienstleistungsbereich gearbeitet hat, der erlebt sein blaues Wunder, wenn es um den Aspekt der Kundenbetreuung geht. Auch hier ist eine große Kompetenz von Nöten, die auf einer Mischung aus Einfühlungsvermögen, Serviceorientierung, Organisations- und Planungssicherheit basiert. Wir müssen lernen, Kundenbeschwerden zu managen, Ablehnungen von Kundenwünschen auszusprechen und verschiedenste Charaktere individuell zu beraten.
Auch das Terminmanagement ist ein nicht unerheblicher Teil des Berufes, der mich nicht nur ein Mal an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Die effiziente Einteilung der eigenen Arbeitszeit erfordert jahrelange Erfahrung.

Infektionshygienische Überwachung

Als ich mein erstes Tattoostudio eröffnet habe, startete ich direkt mit einer Rüge vom Gesundheitsamt. Ich hatte versäumt, den Grundriss der Räumlichkeiten mit meiner Sachbearbeiterin vor Beginn der Renovierungsarbeiten zu besprechen.
Dieses Vorgehen ist nicht in allen Kommunen üblich, verdeutlicht jedoch die Menge an Fettnäpfchen, die in einem Beruf warten, der kaum einheitlichen Reglementierungen unterliegt.
In NRW ist gar keine hygienische Ausbildung von Nöten, das notwendige Wissen wird jedoch, je nach zuständigem Sachbearbeiter mehr oder weniger streng abgefragt und nachgeprüft.
In anderen Bundesländern müssen Tätowierer kosten- und zeitintensive Hygienefortbildungen verpflichtend absolvieren. Wir in NRW machen diese oft freiwillig.

Ach und wer putzt eigentlich das Ladenlokal? Wie putzt man große Schaufenster streifenfrei und wie reinige ich den Fußboden entsprechend eines Hygieneplans?

Hast du schon mal einen Bauantrag gestellt? Dieses Thema mache ich jetzt nicht auf, das würde zu weit führen. Ich möchte an dieser Stelle nur andeuten, dass Tätowiererinnen und Tätowierer mit eigenem Studio auch um dieses Gebiet nicht herum kommen. Flurkarten, Brandschutz, Kundenparkplätze, Gefahrstoffentsorgung, mit all diesen Themen schlägt man sich dann nach Feierabend rum.

Der Umgang mit Personal und freien Mitarbeitern

Im Tattoo-Business gibt es kaum Festanstellungen. Die meisten Tätowierer arbeiten auf freiberuflicher Basis im Tattoostudio. Bei diesem Modell müssen beide, Shopbetreiber und Tätowierer sich mit dem Thema Scheinselbstständigkeit auskennen. Maximal Thekenkräfte werden auf Minijobbasis oder in seltenen Fällen in Vollzeit eingestellt.
Welchen Aufgaben und welchen Verantwortungen im Umgang mit Mitarbeitern der Betriebsinhaber nachkommen muss, muss er ebenfalls in Eigenarbeit recherchieren.

Marketing und Social Media, sowie Datenschutz und Bildrechte

Gerade die ältere Generation der Tätowierer wird jetzt laut seufzen. Die sozialen Medien und die neuen Anforderungen an den Datenschutz und die Bildrechte, stellen uns vor neue Herausforderungen. Meine Generation der Digital Natives tut sich relativ leicht mit Werbung und Markenpräsenz auf den sozialen Netzwerken. Tätowierer älteren Semesters jedoch, müssen sich diese neue Art des Marketings mühsam beibringen. Die stetig wechselnden Bedingungen rund um den Datenschutz und die Bildrechte der Kunden stellen uns gleichermaßen vor neue Aufgaben und zwingen uns auf diesem Bereich immer aktuell und am Ball zu bleiben.
Früher wurden Flyer gedruckt und verteilt und das hat gereicht. Heute fühlt sich mancher gezwungen, kostspielige Fortbildungen zum Thema Facebook Ads und Markenpräsenz auf Social Media zu belegen, um sein Unternehmen zukunftsfähig zu machen.

Neben unserem Ladentelefon betreuen wir also auch noch ein Email-Postfach, ein Instagram-Postfach, ein Facebook-Postfach und natürlich versuchen wir noch sämtliche Kommentare unter den täglich geposteten Bildern zu beantworten.

IHK, GEMA & Co.

Und plötzlich bekommt man Post von Institutionen, die Geld von einem fordern und man weiß noch nicht mal warum und auf welcher Grundlage man diese Gebühren entrichten muss. Man kann es aber nachlesen, nach Feierabend, wenn man Zeit dafür hat…

Wann kommen die neuen Wanna Dos?

Alles, was du bis hier hin gelesen hast, passiert parallel zur Hauptarbeit, dem Zeichnen und Tätowieren. Das auch in diesem Bereich eine persönliche Fort- und Weiterbildung notwendig ist, muss ich nicht erklären. Als Tätowierer ist man immer im Spagat zwischen Kunst und Dienstleistung und die eigene Kreativität mit all der benötigten Zeit und Muße muss im Fluss bleiben.
Der Kunde möchte unterhalten werden, er möchte innovative Wanna Dos sehen, dass sein Tätowierer sich mit aktuellen Trends auskennt und besser wird in dem, was er tut.

Es ist an der Zeit, dass der Beruf des Tätowierers gesellschaftliche Anerkennung findet. Wir sind nicht mehr die zwielichtigen Freaks, die im Hinterhof einem halblegalen, aber gut bezahlten Hobby nachgehen. Wir sind Multitalente, leisten verdammt viel und übernehmen in unserem Beruf viel Verantwortung.
Bitte schicke diesem Artikel jedem, der immer noch glaubt, Tätowierer würden den ganzen Tag nur ihrer überteuerten Leidenschaft nachgehen und ein Leben in Saus und Braus führen.

1 Kommentar

  1. Wow, Esther! Du hast es so auf den Punkt getroffen! Sehr sehr gut geschrieben!

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