Tut Tätowieren eigentlich weh? Die wohl am häufigsten gestellte Frage im Tattoostudio ist die Frage nach den Schmerzen. Tut das weh? Wie sehr wird es weh tun? Wie schlimm ist Körperstelle XY? Halte ich das aus? Egal, ob Tattooanfänger oder (bunter) alter Hase, vor jedem neuen Tattoo stellt sich wohl jeder die Frage nach dem Unvermeidbaren: den Schmerzen während der Sitzung. Die Gerüchteküche brodelt, wenn Tattookunden und solche, die es werden wollen, sich über die Skala der Schmerzintensität unterhalten.
Hier mal eine Auflistung der beliebtesten Mutmaßungen

  • Farbe tut mehr weh, als Schwarz
  • Auf dem Knochen tut es am meisten weh
  • Dicke Nadeln schmerzen mehr, als dünne
  • Auf Speckröllchen tut Tätowieren weniger weh
  • Die Arminnenseite ist besonders schmerzhaft
  • „Ausmalen“ tut mehr weh, als Linien ziehen
Überraschung! Keine von diesen Mutmaßungen ist uneingeschränkt wahr!

Ja, tätowiert werden tut weh und ja, es gibt Unterschiede, was Körperstelle und Technik betrifft, aber die aufgezählten Gerüchte sind zu ungenau und treffen nicht zwangsläufig auf jeden Kunden zu. In diesem Artikel möchte ich Aufklärungsarbeit leisten und Ängste nehmen.

Eine Tätowierung gleicht einer Schürfwunde.

Das heißt, die oberen zwei Hautschichten werden verletzt. Die Nattoonadel geht aber, anders als eine Injektionsnadel beim Arzt, nicht durch die ganze Haut hindurch. Es ist also nur logisch, dass eine Tätowierung keine unerträglichen Schmerzen nach sich zieht. Allerdings hat unser Körper einen natürlichen Abwehrmechanismus gegen Schmerzen. Das Gehirn signalisiert uns, dass die Prozedur des Tätowierens eine Körperverletzung darstellt und es möchte, dass wir uns dieser Prozedur entziehen.

Tattoo in Progress

Die Haut ist gerötet und gereizt, ein so großes Tattoo entsteht in zwei Sitzungen

Faktor Zeit

Für unseren Körper ist es nicht natürlich, sich für mehrere Stunden Schmerzen freiwillig und ohne Gegenmaßnahmen auszusetzen. Er sendet Flucht- und Warnsignale. Diese Signale sendet das Gehirn hartnäckig und immer nachdrücklicher, je länger das Tätowieren dauert. Daher tut Tätowieren am Anfang weniger weh und im Laufe der Sitzung wird es schlimmer. Erfahrungsgemäß empfinden Tattookunden nach der zweiten Stunde mehr Schmerzen, die sich weiter steigern. Der Durchschnitt schafft drei Stunden am Stück, vier Stunden und mehr schaffen die ganz Harten.

Faktor Körperstelle

Die Erfahrungen aus meiner Arbeit und von meinen eigenen Tätowierungen zeigen mir, dass die Körperstelle nur eine untergeordnete Rolle beim Thema Schmerz spielt. Gängige Annahmen, dass zum Beispiel der Fußrücken sehr schmerzempfindlich ist oder ein Tattoo auf der Arminnenseite sehr weh tut, treffen nie auf jeden Kunden zu. Daher beantworte ich beantworte sehr ungern Fragen nach der Schmerzempfindlichkeit einer bestimmten Körperregion. Jeder Kunde empfindet den Schmerz anders. Pauschal kann man aber sagen, dass die Gelenke und der Rippenbogen empfindlich sind als andere Körperstellen.

Dicke Menschen haben weniger Schmerzen

… da tätowieren auf Speck weniger schmerzt, als auf Knochen, oder? Auch diese Vermutung stimmt so nicht. Ich vermute, dass dieses Gerücht sich aus der Tatsache speist, dass Knie und Ellbogengelenk sehr schmerzempfindlich sind. Generell ist es aber nicht so, dass dicke Menschen weniger vom Tätowieren spüren, als knochige Typen. Im Speck sind schließlich auch Nervenbahnen, die Schmerzsignale zuverlässig transportieren.

Kompass Tattoo Knöchel

Ein kleines Tattoo am Knöchel kann jeder schaffen!

Die Arminnenseite ist besonders schmerzhaft

Nein, das stimmt so nicht. Die Innenseite vom Arm ist zwar empfindlicher als die Außenseite, aber eine besonders schmerzhafte Stelle gibt es am ganzen Arm nicht. Unsere Arme sind unsere Werkzeuge und Arbeitsgeräte am Körper. Die Natur hat es so eingerichtet, dass sie robust sind und viel aushalten. Ein Tattoo am Arm zieht niemals unerträgliche Schmerzen nach sich, auch nicht an der Innenseite.

Schattierungen schmerzen

Ob die Linien oder die Füllung einer Tätowierung mehr schmerzt, ist sehr individuell. Ich persönlich finde immer die Linien schmerzhafter und fiebere dem Prozess des „Ausmalens“ oder Schattierens entgegen. Andere Kunden empfinden das Gegenteil. Auch in diesem Fall spielt der Faktor Zeit eine Rolle. Hat der Kunde schon 1-2 Stunden Linienarbeit hinter sich, schmerzen die Schattierungen mehr. Das muss aber nicht unbedingt an der Nadel oder der Maschine liegen. Es ist wahrscheinlich, dass seine Kondition bereits nachgelassen hat.

watercolortattoo

Farbe verursacht nicht mehr Schmerzen, als Schwarz!

Farbe tut mehr weh, als Schwarz

…völliger Quatsch – mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Hilfe, so eine dicke Nadel?!

Viele Kunden fürchten sich vor großen Tattoonadeln. Aber der Schmerz steigt nicht proportional zur Größe der Tattoonadel, im Gegenteil. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei großen Nadeln der Schmerz auf eine größere Hautfläche verteilt wird und der Kunde dies als angenehmer empfindet. Je dünner die Nadel ist, desto „spitzer“ und „pieksiger“ wird sie auch empfunden. Tattoonadeln bestehen aus mehreren winzigen Einzelnadeln, die zusammen gelötet sind.

Männer sind Weicheier

In meiner täglichen Arbeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass Männer Schmerzen tatsächlich weniger gut aushalten, als Frauen. Allerdings stellen Männer ihre Schmerzen weniger zur Schau, sie versuchen, ihren Schmerz vor mir zu verheimlichen. Natürlich mit wenig Erfolg, denn ein Tätowierer merkt anhand von Atmung, Grad der Verkrampfung, Redebereitschaft und anderen Faktoren, wie sehr ein Kunde leidet.
Frauen sagen eher, wenn sie eine Stelle als besonders schmerzhaft empfinden oder die Sitzung gerne vorzeitig beenden würden.

An dieser Stelle muss man den Männern zu Gute halten, dass sie Schmerzen nur durch Krankheiten oder Verletzungen kennen und somit Schmerz für sie immer eine negative Verknüpfung darstellt. Frauen haben regelmäßiger Schmerzen durch die Monatsblutung und durch Geburten. Auch Frauen, die noch kein Kind geboren haben, wissen durch ihr kollektives Gedächtnis, dass Schmerz nicht immer Krankheit oder Verletzung heißen muss. Viele Schmerzen sind für Frauen natürlich, regelmäßig und ungefährlich und ziehen sogar etwas positives nach sich. Vielleicht kommt daher die Fähigkeit der Frauen, den Schmerz besser annehmen zu können.

Tattoo fertig

Sitzt die Folie, ist der Schmerz vergessen

Jede Tattoositzung ist einmal vorbei

Das Gute am Tätowieren ist, dass der Schmerz genau so rasch nachlässt, wie er beim Einstich gekommen ist. Bereits kurze Zeit nach Beenden einer Sitzung, lässt der Schmerz nach. Längere, intensivere Sitzungen können ein allgemeines Unwohlsein nach sich ziehen. Man fühlt sich schlapp und erschöpft, aber auch das ist nach einem Tag vorbei und vergessen.
Einige Tattooträger behaupten gar, dass der Juckreiz während der Abheilphase schlimmer als jeder Schmerz sei 😉

Hoffentlich konnte ich dir ein paar Ängste vor dem Tattooschmerz nehmen. Wenn du immer noch Angst vorm Tätowieren hast, lies auch diesen Artikel, den ich vor einiger Zeit veröffentlicht habe.
Solltest du fragen haben, schreib mir eine Email oder stell deine Frage in den Kommentaren.