Tätowierungen sind der Trend des 21. Jahrhunderts. Meine Generation, die um 1985 geborenen, tragen fast alle Tätowierungen. Doch welche Dramen sich aufgrund der bunten oder schwarzen Hautbilder in den Elternhäuser der Tattoo liebenden Jugend abspielen, darüber sprechen nur die wenigsten. Eltern sind meistens ablehnend oder mindestens skeptisch eingestellt, wenn der Nachwuchs den Wunsch nach einem dauerhaften Hautbild äußert. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber in diesem Artikel soll es um die Probleme gehen, die dieser Generationskonflikt mit sich bringt.

Tattoos sind gesellschaftsfähig geworden

Man kann es gutheißen, verteufeln oder ignorieren, Fakt ist: Tätowierungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Jedes Jahr öffnen in Deutschland hunderte neue Tattoostudios. Spätestens an warmen Sommertagen kann niemand von uns behaupten, diesen Wandel in der Gesellschaft nicht bemerkt zu haben. Wenn leichtbekleidete Menschen jeder Altersklasse ihre bunten Hautbilder zur Schau stellen, ziert ein buntes Kätzchen das Handgelenk einer jungen Frau an der Supermarktkasse, der Bodybuilder im Fitnessstudio betont seine muskulösen Arme mit orientalischen Mustern und Mütter mittleren Alters zeigen stolz die Namen ihrer Kinder, die in dunkler Tinte umrahmt von Sternen zur hellen Haut auf der Schulter kontrastieren. Vor keinem Alter, vor keiner Schicht und keinem Berufsbild macht dieser Trend mehr Halt.

Aber was, wenn die eigenen Kinder den Wunsch äußern sich tätowieren zu lassen? Wenn sich in volljährigen Kindern das Bedürfnis regt, ihre Haut unwiderruflich mit Farbe anreichern zu lassen, dann hängt in vielen Familien der Haussegen schief.

Hier prallen Ansichten und Interessen aufeinander. Für die meisten Eltern ist das Aussehen ihrer Kinder makellos und jede dauerhafte Veränderung in Form von Tätowierungen überflüssig oder gleicht einer Katastrophe. Die Kinder indes unterliegen nicht nur einem Drang nach Selbstoptimierung, der durch das internet, insbesondere die sozialen Netzwerke, wie Facebook und Instagram verstärkt wird, sie müssen sich auch abnabeln, ihre Persönlichkeit finden und definieren. Dieser Prozess wird natürlich auch über die Selbstbestimmung des eigenen Aussehens unterstützt und endet nicht mit dem Ablauf der Pubertät. Mit 18 Jahren sind Jugendliche in Deutschland volljährig, dürfen wählen, Autofahren und sich tätowieren lassen. Der Reifeprozess und das damit verbundene Erwachsenwerden, ist zu diesem Zeitpunkt jedoch längst nicht abgeschlossen.

Viele Eltern können sich mit Tätowierungen besser anfreunden, wenn sie leicht zu verstecken sind

Konflikte sind vorprogrammiert

Die Generation unserer Eltern ist häufig mit der Erfahrung aufgewachsen, dass Tätowierungen nur von Menschen am äußersten und schlechtesten Rand der Gesellschaft getragen werden. Diese Einstellung sitzt tief und ist mit der Erziehung unserer Eltern und ihren Erfahrungen verwurzelt. Natürlich möchten sie nicht, dass ihre Kinder, die sie über Jahrzehnte liebevoll aufgezogen und erzogen haben, sich durch ein dauerhaftes Hautbild alle Chancen nehmen und das Ansehen in der Gesellschaft ruinieren lassen. Wir können ihnen diesen Glauben nicht übel nehmen. Gelernt ist gelernt und jeder Mensch geht einen schwierigen Weg, seine Ansichten und Glaubenssätze zu definieren und zu schärfen. Im Alter von diesen abzulassen, ist eine noch schwierigere Aufgabe.

Ich gehöre zu den Menschen, die keine Kinder haben. Ich kann mir das Gefühl nicht vorstellen, ein gesundes und unverletztes kleines Wesen auf die Welt zu bringen, es aufzuziehen, zu beschützen und seine Entwicklung mit Adleraugen zu bewachen, um dann mit dem Wunsch nach einer dauerhaften Veränderung des Aussehens seinerseits konfrontiert zu werden.
Vielleicht ist das wirklich für viele Eltern ein unüberwindbarer Schock oder eine niemals nachvollziehbare Entscheidung. Leider kann ich mich mangels eigener Erfahrungen nur bedingt in ihre Lage hinein versetzen, aber Verständnis kann jeder von uns aufbringen, wenn man sich die oben genannten Tatsachen bewusst vor Augen führt.

Warum wollen junge Menschen Tätowierungen?

Jede junge Generation muss sich von der vorherigen abnabeln. Ein neues Selbstbild muss definiert werden. Zu der gelungenen Persönlichkeitsentwicklung eines jeden jungen Menschen gehört auch die Frage nach dem „Wie möchte ich aussehen?“. Für mich ist es naheliegend, dass eine Generation, die mit Selfies und unzähligen Social Media Profilen aufwächst, dem eigenen Aussehen einen wichtigeren Stellenwert beimisst, als es vor dem Internet der Fall war. Profile auf Social Media stellen uns täglich Fragen, wie „Wer bist du?, Was machst du gerade? Wie fühlst du dich?“ Dementsprechend viel Wichtigkeit messen wir diesen Fragen bei. Die eigene Persönlichkeit soll sichtbar gemacht und nach außen transportiert werden. Tätowierungen bieten hier ein ideales Kommunikationsmittel, mit dem ich mich und meinen Charakter definieren und nach außen präsentieren kann. Lies hierzu auch meinen Artikel, warum Menschen sich tätowieren lassen.

Für die Generationen Y und Z, wie sie landläufig genannt werden, verlangt das Umfeld eine genaue Definition des Individuums. Nicht zuletzt spielen hier auch die sozialen Medien und die obligatorische Selbstdarstellung durch selbige eine Rolle. Wie können junge Menschen sich heute erfolgreich abnabeln, wenn sie nach einer Generation kommen, die schon alles erlebt und gemacht hat?

Junge Menschen Anfang 20 möchten ihr Äußeres häufig auch gezielt von dem der Eltern differenzieren. War es für unsere Eltern für diesen Zweck schon „rebellisch genug“ eine zerrissene Jeans zu tragen oder sich als Mann die Haare lang wachsen zu lassen, so hat unsere Generation die dauerhafte Körpermodifikation für sich entdeckt.
Jede Generation braucht einen eigenen Weg der Selbstdefinition und möchte lernen, unwiderrufliche Entscheidungen selbst zu treffen.

Eine Tätowierung kann helfen, die eigene Persönlichkeit zu definieren

Was kann ich als Mutter oder Vater tun?

Äußert das eigene Kind den Wunsch nach einer Tätowierung, kann man es ihm nicht mehr verbieten, sofern es die Volljährigkeit erreicht hat. Aus meiner Sicht, ist es auch nicht ratsam, dem Kind mit Sanktionen zu drohen oder Enttäuschung über diese Entscheidung spüren zu lassen. Wahrscheinlich machen sie es nämlich trotzdem und die Gefahr einen Fehltritt zu begehen, ist sicher größer ohne die Unterstützung einer liebenden Person im Hintergrund.
Viel sinnvoller ist es, das eigene Kind zu unterstützen und zu beraten, damit es keine Fehlentscheidung trifft. Ich finde es unverantwortlich, wenn Eltern ihren noch sehr jungen Kindern erlauben, sich Tätowierungen im sichtbaren Bereich stechen zu lassen. Natürlich sind Hand-, Finger,- und Unterarmtätowierungen momentan der letzte Schrei. Hat das Kind jedoch noch keinen Ausbildungsplatz oder die Schule noch nicht beendet, kann diese Entscheidung viele Wege verbauen. Im gemeinsamen Gespräch in der Familie kann am besten erörtert werden, welches Motiv ein Leben lang gefallen kann und welche Körperstellen für den Einstieg gut geeignet sind. Auch bei der Wahl des richtigen Tattoostudios können Eltern Hilfestellung leisten. Im gemeinsamen Gespräch mit verschiedenen Tätowieren können die Eltern den häufig sehr aufgeregten jungen Menschen beratend zur Seite stehen und auf eine längere Lebenserfahrung und Einschätzungsfähigkeit zurück greifen.

Was kann ich tun, wenn meine Eltern gegen meinen Tattoowunsch sind?

Ablehnung gegenüber Tätowierungen kommen, wie oben bereits angesprochen, meist aus den Erfahrungen und den Umständen der Erziehung unserer Eltern. Gänzlich werden wir ihren Blickwinkel in manchen Fällen nicht ändern können, aber wir können sie aufklären und ihnen Ängste nehmen. Oft ist es hilfreich, den Eltern vorab zu zeigen, was heutzutage technisch alles an Motiven und Stilen möglich ist. Viele Eltern haben noch das Bild von blau-schwarzen und verschwommenen Tribals, Rosen und Delfinen vor Augen, wenn die das Wort „Tattoo“ hören. Zeigt euren Eltern Instagram-Profile von euren Tattoo-Favoriten, macht sie mit aktuellen Pinterest-Trends vertraut und überrascht sie so mit der hohen Qualität, die Tattoostudios heute zu bieten in der Lage sind.
Wichtig ist auch der Aspekt der Hygienevorschriften. In deutschen Tattoostudios geht die Rate der Ansteckung mit blutübertragbaren Infektionskrankheiten fast gegen Null. Alle Tattoostudios werden vom örtlichen Gesundheitsamt überwacht und im Zweifel kann man sich dort auch Informationen über den Tätowierer seiner Wahl einholen. Viele Tattoostudios bieten inzwischen auch Beratungsgespräche vor Ort an, man könnte die Eltern mitnehmen, um ihnen die Unsicherheit in Bezug auf das Projekt Tattoo zu nehmen. Besonders voreingenommen Eltern werden überrascht sein, wie viele Tätowierer und Tätowiererinnen heute sogar ein Abitur oder ein abgeschlossenes Studium nachweisen können uns somit alles andere als unterbelichtete Outlaws darstellen.

Das Motiv ist süß, die Körperstelle für konservative Generationen gewagt

Meine eigenen Erfahrungen

Natürlich gibt es auch Eltern, die selbst tätowiert sind und überhaupt kein Problem darin sehen, wenn die eigenen Kinder zu Nachahmern werden. Häufig tätowiere ich Mutter-Tochter-Tätowierungen oder Mutter und Tochter kommen gemeinsam zum Termin und jeder lässt sich sein Wunschbild stechen. Dieses Idealbild trifft aber leider nicht auf alle Tattoo-interessierten jungen Menschen zu.
Als Tätowiererin tätowiert man natürlich auch seine eigenen Freunde. So stieß ich mitunter auch auf offene Ablehnung seitens der Eltern meiner Freunde. Diese fühlten sich teilweise von mir hintergangen oder waren regelrecht wütend auf mich, weil ich ihre Kinder tätowiert hatte. Auch junge Kunden erzählen mir manchmal, dass ich besser nicht ihren Eltern begegne. Wenn diese eine ohnmächtige Wut ob des Tattoowunsches ihrer Zöglinge empfinden, projizieren sie diese oft auch auf den ausführenden Tätowierer.
Auch meine Mutter hat nicht viel für bunte Haut übrig. Über neue Tätowierungen bei mir regt sie sich zwar nicht mehr so sehr auf, wie noch vor einigen Jahren, aber sie lässt mich doch spüren, dass sie meine Vorliebe für Tätowierungen auf meinem eigenen Körper nicht gut heißt. Deswegen kann ich mich gut in die in diesem Artikel angesprochene Konfliktsituation hinein versetzen und beide Seiten verstehen.

In meinem alltäglichen Umgang mit geliebten oder lieb gewonnenen Menschen, kann ich jedoch auch feststellen, dass sich deren Einstellung ändert. Längst kommt es nicht mehr zu eskalierenden Konfliktsituationen, wenn bei mir oder Freunden neue Hautbilder auftauchen. Ganz langsam erkennt jeder meinen Beruf und meine Leidenschaft, sowie die damit verbundene harte Arbeit an und lernt selbige aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Darüber freue ich mich sehr.

Wenn du dir eine Tätowierung wünschst und deine Eltern absolut dagegen sind, dann gib ihnen doch mal diesen Artikel zu lesen. Ihr könnt mich auch gemeinsam anschreiben, um Ängste und Befürchtungen seitens der Eltern zu besprechen. Wenn du auf diesen Artikel gestoßen bist, weil dein Kind sich eine Tätowierung wünscht, hoffe ich, dass du auf meiner Seite einige Vorurteile los werden konntest. Wenn nicht, bist auch du herzlich eingeladen, mir zu schreiben oder einen Kommentar zu hinterlassen.