Angst vorm Tätowieren

Dieser Artikel klingt zu banal, um ernst gemeint zu sein? Die meisten Leser unter euch haben sicher schon eine oder mehrere Tätowierungen. Vielleicht habt ihr vergessen, wie ihr euch vor dem ersten Termin gefühlt habt. Vielleicht habt ihr aber die gleiche Nervosität und Anspannung vor jedem neuen Tattoo wieder. In letzter Zeit hörte ich häufiger den Satz: „Meine Freundin hätte auch gerne eine Tätowierung, aber sie traut sich nicht.“ oder „Sie hat Angst vor den Schmerzen beim Tätowieren.“

Ein Blogartikel zu diesem Thema muss her!

Wenn ich mich an meine erste Tätowierung zurück erinnere, muss ich leider sagen, ich hatte nicht genug Zeit, um Angst zu entwickeln. Ich war bereits in der Ausbildung zur Tätowiererin, als mein Chef eines Tages sagte: „Esther, morgen bekommst du dein erstes Tattoo, überleg’ dir was schönes.“ Ich hatte nicht darum gebeten und auch keine Idee für ein Motiv. Am nächsten Tag bekam ich spontan zwei kleine Vögel am Handgelenk, die bis heute zu meinen Lieblingstattoos gehören. Es war gar nicht schlimm. Danach habe ich mich gefühlt, wie der coolste Tattoo-Gangster in der gesamten Dortmunder Nordstadt.

Eine häufig gestellte Frage
Wovor hast du Angst?

Wahrscheinlich liest du diesen Artikel, weil der Termin für deine erste Tätowierung bevor steht oder weil du schon lange mit dem Gedanken spielst, dich tätowieren zu lassen. Wenn doch die Angst nicht so groß wäre…

Es tut vielleicht sehr weh!
Was, wenn das Stechen so weh tut, dass ich abbrechen muss?
Vielleicht zucke ich vor Schmerzen und die Linien verwackeln
Ich habe Angst mich vor den coolen Tätowierern zu blamieren!
Wahrscheinlich schwitze ich die ganze Tattooliege nass, wie peinlich!
Wenn mir das Tattoo nicht gefällt, kann man es nie wieder retten…
Und was passiert, wenn es mir ein halbes Jahr lang gefällt und dann nicht mehr?

Tätowieren
Es ist nicht so schmerzhaft, wie viele erzählen
Angst vor den Schmerzen

Ja, tätowieren tut weh. Das weißt du aus Erzählungen von deinen Freunden und aus diversen Internetforen, die du bereits durchforstet hast. Mach dir jedoch klar, dass es sich um eine oberflächliche Schürfwunde handelt. Das heißt, die Nadel geht noch nicht mal so tief, wie eine Kanüle beim Blutabnehmen oder Impfen. Sie durchsticht die Haut nicht ganz, sie kratzt nur in ihr herum. Früher war das Tätowieren um einiges schmerzhafter. Damals löteten Tätowierer ihre Nadeln selbst und anschließend wurden sie sterilisiert und mehrfach verwendet. Heute weiß man, dass Tätowiernadeln recht schnell stumpf werden und das Tätowieren um einiges schmerzhafter ist, wenn man mit alten, aufbereiteten Nadeln behandelt wird. Das kann dir nicht passieren. Heute wird für jeden Kunden eine frische Nadel benutzt, die anschließend entsorgt wird.

Es gibt viele Tattoo-Horror-Stories
Die Internet-Horror-Stories

In Internetforen schreiben meistens nur Menschen, die besonders schlimme Erfahrungen gemacht haben. Man kann nie wissen, unter welchen Umständen sie tätowiert wurden, wenn sie von ihren Schmerzen und Horrorerlebnissen berichten. Auch Freunde tragen häufig dick auf, wenn sie von ihren Tattoo-Schmerzen berichten. Du kannst jedoch nicht wissen, warum der Schmerz angeblich so groß war. Vielleicht hatte deine Freundin beim Termin eine Periode, dann ist der Schmerz etwas schlimmer oder der Bekannte hatte während seiner Tattoositzung eine leichte Erkältung. Viele Faktoren können das Schmerzempfinden verstärken. Auch das Ego der erzählenden Personen, die sich vielleicht ein bisschen härter darstellen wollen, als sie eigentlich waren.

Angst vor Nadeln?

Ich gehöre zu den Personen, die sich vor jeder Blutabnahme ein Betäubungspflaster auf die Ellbeuge kleben. Der Einstichschmerz ist so unangenehm für mich, dass ich die Stelle betäuben muss. Beim Zahnarzt ist die Hölle los, wenn ich da bin, der Vermerk „Angstpatient“ steht in meiner Akte. Von Impfterminen will ich erst gar nicht reden. Tätowieren ist jedoch kein Problem für mich. Warum? Weil es nicht schlimm ist!

Ich weiß aus eigener Erfahrung an meinem Körper und aus den Erfahrungen mit meinen Kunden, dass wirklich jeder Mensch Tätowieren gut aushalten kann. Unser Körper kann Schlimmeres ertragen, als eine oberflächliche Hautverletzung.

Die Tätowiernadel ist außerdem nicht mit einer Kanüle aus der Arztpraxis zu vergleichen. Sie gleicht eher einem kleinen Besen mit mehreren spitzen Nädelchen. Eine Kanüle ist eine einzelne breite Spitze mit Loch in der Mitte, um Flüssigkeit in den Körper hinein oder heraus zu bekommen.

Solch ein Tattoo wäre nicht möglich, wenn Kunden zucken
Was, wenn ich beim Einstich zucke?

In meinem Tattoostudio werde ich häufig von Neukunden gefragt, ob es passiert, dass man beim ersten Einstich zuckt oder vor Schreck das Körperteil weg zieht und die Linie verwackelt. Das habe ich noch nie erlebt. Ich tätowiere seit zehn Jahren und ich habe es noch nie erlebt, dass jemand vor Schreck heftig gezuckt hat oder gar das betreffende Körperteil weggezogen hat. Der Schmerz muss für eine solche Reaktion des Körpers um einiges schlimmer sein. Diese Sorge ist unbegründet. Lediglich der Fuß macht manchmal Zuckungen, die man als Kunde nicht kontrollieren kann. Darauf ist der Tätowierer jedoch eingestellt und tätowiert Füße dementsprechend vorsichtig und vorausschauend.

Ich habe Angst mich vor den coolen Tätowierern zu blamieren!

Wenn das so ist, bist du nicht im richtigen Tattoostudio. Wenn dir die Tätowierer so unsympathisch sind oder dir so viel Respekt einflößen, dass du eine untergeordnete Rolle einnimmst, suche dir bitte ein anderes Studio. Für deinen Tattootermin solltest du dich nicht verstellen müssen oder dich in Gegenwart der anwesenden Menschen unwohl fühlen. Such dir einen Tätowierer mit dem du auf einer vertrauensvollen Basis arbeiten kannst. Ein guter Termin gelingt, wenn du und dein Tätowierer auf Augenhöhe arbeiten und ein respektvoller Umgang miteinander statt findet.

Tätowieren macht Spaß und für die meisten Tätowierer ist es ihr Traumberuf. Deswegen wirken sie vielleicht besonders cool, lässig und haben eine selbstzufriedene Ausstrahlung. Das sollte dich aber nicht verunsichern. Dein Tätowierer weiß, dass du in einer ganz anderen Grundstimmung im Studio erscheinst und sollte auf dich eingehen und dir deine Angst nehmen.

Wahrscheinlich schwitze ich die ganze Tattooliege nass, wie peinlich!

Das ist nicht peinlich, sondern völlig normal. Mach dir vor deinem Termin klar, dass Tätowierer schon alles gesehen und erlebt haben. Für uns ist es völlig normal, dass die Tattooliege täglich komplett vollgeschwitzt wird, dafür wird sie abgedeckt und desinfiziert. Es ist ebenso normal, dass Menschen Flusen unter den Achseln kleben haben, wenn sie schwitzen. Gleiches gilt für die Zehen, wenn man seine Socken auszieht. Hautschuppen auf der Kopfstütze, Sockenflusen auf dem Boden, komplett verschmierte Mascara nach dem Termin. Manch ein Kunde muss eine Minute vor Beginn auch nochmal für ein längeres Geschäft zum Klo – das ist alles menschlich und für uns Alltag!

Große Tattoos müssen sorgfältig geplant werden
Ich habe Angst, dass mir das Tattoo nicht gefällt

Diese Sorge ist leider niemals unbegründet. Es kann immer passieren, dass einem die Tätowierung nicht gefällt. Manchen gefällt sie direkt nach dem Stechen nicht, andere stellen erst Jahre später fest, dass sich ihr Geschmack verändert hat. Allerdings ist das auch nicht so schlimm. Ich habe so einige Tätowierungen, die mir nicht mehr gefallen oder die ich mir nicht nochmal stechen lassen würde. Das ist okay, die Tätowierungen sind jetzt da und sie tun mir nicht weh. Sie stören mich noch nicht mal. Wenn es so wäre, gäbe es einen Weg, sie zu überarbeiten, zu lasern oder zu überdecken. Ich finde jedoch, dass eine hässliche Tätowierung nicht so schlimm ist, wie ein missglückter Haarschnitt, den man für eine lange Zeit täglich im Spiegel sieht und den alle anderen auch sehen.

Wenn der Tätowierer versagt

Auch diese Angst ist nicht unbegründet. Tätowierer sind Menschen und der Mensch ist fehlbar. Jeder hat gute und schlechte Tage, auch Tätowierer. Ich habe in meinem Studio auch schon missglückte Tätowierungen von namenhaften Tattoo-Künstlern gesehen, die in der Regel absolute Top-Arbeiten abliefern. Als Tattoo-Kunde musst du dir jedoch darüber bewusst sein, dass ein Tattoo auch misslingen kann. Die Ursachen sind vielfältig und das Risiko geht man immer ein, wenn man sich eine Tätowierung stechen lässt. Bei einer Operation, beim Hausbau, bei einer Geburt, bei der Autoreparatur – überall wo Menschen arbeiten,  passieren Fehler, auch wenn es in solchen Fällen nicht passieren sollte…

Hast du jetzt immer noch Angst vor deiner ersten Tätowierung? Dann schreibe mir gerne eine Email, vielleicht kann ich die Ängste ausräumen 😉

  1. Liebste Esther,
    ich bin so ein Schisshase, das durftest Du ja schon feststellen. Allerdings gleube ich, dass kommt viel daher, dass man der fest Überzeugung ist, dass es ganz doll weh tun MUSS. Man wartet förmlich auf den Schmerz und dadurch wird jedes kleine piecken gleich zu einem stechenden Schmerz ungeahnten Ausmaßes!
    Das surrende Geräusch der Nadel ist für mich, immer wenn ich es höre, eher ein Problem. Aber auch das blendet man nach einer Zeit aus und hört es nicht mehr. Wie ein Tinnitus eben 😀

    xo Rebecca
    https://pineapplesandpumps.com/

  2. Hallo liebe Esther,
    Es ist nun mal so, tätowieren tut weh! Wie stark das individuelle Schmerzempfinden ist, da sind alle Personen sehr verschieden. Aus meiner Erfahrung, inzwischen ist meine Körperoberfläche fast zu 70% tätowiert, also habe ich einiges gelitten. Dieses Leiden hat sich allerdings gelohnt, habe ich dabei bald ein Gesamtkunstwerk das mir niemand nehmen kann, es ständig mit mir trage und mir bei jeder Betrachtung Freude bereitet.
    Es gibt wirklich Stellen, die können beim Tätowieren richtig fies weh tun. Aber wenn du das Endresultat siehst, ist der Schmerz längst vergessen. Die Kniekehlen waren so eine dolle Stelle, auch die Achselhöhlen werde ich noch durchleiden müssen, aber hier gilt für mich die Devise „Augen zu und durch“. Du kannst dich im Vorfeld einer Tattoo-Sitzung für den Schmerz einstellen. Ich habe ungefähr monatlich eine Tattoo-Sitzung. Meistens gehe ich zur Tätowiererin und freue mich auf die Erweiterung meines Kunstwerks, der Schmerz gehört dazu. Tätowieren ist ein Ritual, ohne Schmerz wäre es nicht vollkommen. Am Schluss bist du voller Glücksgefühle, die Glückshormone sprudeln über und der Schmerz ist nebensächlich. Ich werde meistens in liegender Position tätowiert, dabei kannst du dich besser entspannen. Regelmässiges tiefes Durchatmen verringert den Schmerz. Nicht mit leerem und auch nicht mit vollem Magen zur Tattoo-Sitzung antreten. Zwischendurch auch immer wieder etwas trinken, mit Vorteil leicht kohlensäurehaltiges Mineralwasser. Ich habe mich mit dem Schmerz beim Tätowieren gut arrangiert, vielleicht sogar schon ein wenig angefreundet.
    Ich hoffe Euch allen mit meinen Tipps helfen zu können, denkt einfach, der Schmerz gehört mehr oder weniger dazu, was zählt ist das Endergebnis, das Euch für den Rest des Lebens ziert.

    Viele Grüsse
    vom bunten Rudi

    1. Lieber Rudi, vielen Dank für deine tollen Tipps! Du hast natürlich völlig recht, Schmerzen gehören dazu und man weiß, wofür man sie durchsteht! Liebe Grüße Esther

      1. Guten Tag liebe Esther,
        Nun habe ich wieder Mal im Internet gestöbert und seit langem auf Deiner „Buntspecht“-Seite gelandet. Es war mir nicht mehr voll in der Erinnerung, dass ich hier auch schon meine „Spuren“ hinterlassen habe.
        Es ist nun so, der Schmerz beim Tätowieren ist immer wieder ein Thema. Bei mir jeden Monat einmal. Natürlich spielt die Tagesverfassung (Gemüt, Seele usw.) auch eine wesentliche Rolle, bezüglich dem Schmerzempfinden. Du glaubst es fast nicht, manchmal freue ich auf den Schmerz beim Tätowieren, tönt eigentlich schon fast pervers, aber es ist so. An meinem letztmaligen Stichtag (06.02.19) habe ich nach dem Tätowieren beinahe eine Schwäche erlitten. Nach dem Stechen und anschliessenden Einpacken in die Folie, wurde es mir leicht schwindlig. Nachdem ich eine Orange gegessen hatte, wurde ich wieder wach und der Schwindel war vorbei. Es ist halt so, für den Körper bedeuten zwei Stunden tätowiert werden einen Stress. Da kann es schon passieren, dass es einem schwindlig werden kann. Ich habe meine Termine meistens von 10:00 bis 12:00 Uhr, danach gehe ins ein Restaurant zum Mittagessen, das ich geniesse, mir viel Zeit nehme und am Schluss noch einen Kaffee trinke. Im restlichen Tagesverlauf habe ich kein festes Programm. Da gönne ich mir einen gemütlichen Nachmittag. An diesem Tag herrscht auch absolutes Alkoholverbot. Einmal trank ich zum Essen ein 3dl Bier, danach war ich sturzbetrunken. Vor mehr als einem Jahr, es war in Bern Weihnachtsmarkt, da gönnte ich mir am späteren Nachmittag nach dem Tätowieren, einen Glühwein. Dies hätte ich unterlassen sollen, ich konnte mich kaum mehr auf den Beinen halten und war froh, dass ich mein Zuhause noch fand. Das sind so Erfahrungen die ich gemacht habe und daraus meine Lehren gezogen. Vor und nach dem Tätowieren ist jeglicher Alkohol tabu. Im Körper geht doch einiges ab während und nach einer Tattoo-Sitzung.
        Nun habe ich mir Zeit genommen und den ganzen Inhalt von Deinem Blog gelesen, interessant Du bist eine wirklich gute Tätowiererin hast ein geschicktes Händchen für diese tolle Kunst. Tätowierst Du auch auf Conventions? z.Bsp. Dortmund? Diese Kunst fasziniert mich fast mein ganzes Leben. Wenn ich Talent hätte zum Freihandzeichnen, wäre dieser schöne aber auch strenge Beruf sicher auch eine Option gewesen. So ist es halt, da habe ich einen technischen Beruf gewählt.

        Viele Grüsse
        vom bunten Rudi

        1. Lieber Rudi,
          vielen Dank, dass du uns an deinen Erfahrungen zum tätowiert werden teilhaben lässt. Das Thema Alkohol ist natürlich auch ein wichtiges und man muss auch dahingehend seinen Körper schonen, dass man es mit diesem Genussmittel nicht übertreibt.
          Dass ich mich auf die Schmerzen beim Tätowieren freue, kann ich nicht sagen, ich muss da halt einfach durch und bin froh, wenn es vorbei ist 😀
          Liebe Grüße
          Esther

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