Wie viele meiner Kunden wissen, war ich im März zu einer mehrtägigen Fortbildung in Andy Engels Tattoostudio in Kitzingen. Inzwischen ist das Geheimnis gelüftet, was ich dort gemeinsam mit einigen anderen Tätowiererinnen und Tätowierern gelernt habe. Bei diesem Seminar drehte sich alles um Brustwarzenrekonstruktion mittels Tätowieren.

Brustwarzenrekonstruktion als medizinische Leistung

Inzwischen erkrankt jede sechste Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. In vielen Fällen ist eine Amputation einer oder beider Brüste notwendig. Nicht immer überleben die Brustwarzen diesen schweren Eingriff. Zwar gibt es medizinische Techniken, um die Brustwarzen zu erhalten oder aus Eigengewebe neu zu konstruieren, doch diese Methoden funktionieren nicht bei jeder Patientin.
Hat die Patientin eine oder beide Brustwarzen durch die Operationen verloren, kommen wir als ausgebildete Tätowiererinnen und Tätowierer ins Spiel.

Täuschend echt aussehende Brustwarzen auf Kunsthaut, tätowiert von BWK-Teilnehmerin miss Nico! Homepage Instagram

Tätowieren in 3D-Optik

Andy Engel, ein international anerkannter Künstler, der seit Jahrzehnten die Tattoobranche mit gestaltet und prägt, hat eine Technik entwickelt, mit der eine täuschend echt aussehende Brustwarze auf die Glatte Haut der Patientin tätowiert werden kann. Durch fotorealistisches Arbeiten auf höchstem Niveau ist er in der Lage, jedes kleine Wärzchen und noch so kleine Fältchen lebensecht zu tätowieren. Durch gezielte Schattensetzung tätowiert er außerdem einen Nippel in den Warzenvorhof, der aussieht, als stünde er tatsächlich aus der Haut heraus.

Unsere BWK-Gruppe 2019

Mit diesem Wissen und seinen Fähigkeiten macht er seit mittlerweile zehn Jahren Patientinnen glücklich. Nun hat er sich dazu entschieden, dieses Wissen weiter zu geben und andere Tätowiererinnen und Tätowierer in diese Technik einzuweihen.
Ich hatte das Glück, auch für diese Fortbildung eingeladen worden zu sein.
Mit mir kamen Tätowiererinnen und Tätowierer aus ganz Deutschland, aus Österreich und der Schweiz ins beschauliche Marktsteft, um mit ihrer Arbeit anderen Menschen ein neues (altes) Lebensgefühl geben zu können.

Die BWK GmbH

Wer jetzt aber denkt, wir haben eine Woche unter Andys Aufsicht mit der Tätowiermaschine rumgefuchtelt und werden danach auf Patientinnen los- und in die weite Welt hinaus gelassen, der unterschätzt Andys Professionalität. Seit Jahren arbeitet er mit Ärzten und Kliniken zusammen, um eine optimale Patientenversorgung zu gewährleisten. So waren Dr. Kramer und Prof. Glanzleder, die Andy seit Jahren unterstützen, nicht unbeteiligt, als der Plan erwuchs, die BWK groß aufzuziehen.

Auf Kunsthaut üben wir das realistische Tätowieren

In Zusammenarbeit mit der Wildcat GmbH und einem namenhaften Versicherungsbüro wurde eine GmbH gegründet – die BWK GmbH. Unter deren Deckmantel werden alle Arbeitsabläufe standardisiert und ebenso der Umgang mit Patienten, der sichere Arbeitsplatz und die Abrechnung. So wird ein einheitliches Auftreten ebenso gewährleistet, wie die Sicherheit der Patientinnen und die Professionalität der Arbeit.

Ziel der Arbeit ist außerdem, eine Kostenübernahme durch alle Krankenkassen zu erreichen und den operierenden Ärzten die Arbeit des Pigmentierens abzunehmen.

Brustwarzen und Pigmentierung für Jedermann

Auch Männer können in seltenen Fällen von Brustkrebs und dem damit einhergehenden Verlust der Brustwarzen betroffen sein. Natürlich werden auch männliche Patienten im Rahmen der BWK behandelt. Für solche, die es werden wollen bietet Andy inzwischen auch Pigmentierungen für im Rahmen von Geschlechtsumwandlungen rekonstruierter Penisse an, um diese lebensecht aussehen zu lassen.

Des Weiteren haben wir Permanent Make Up Artists im Team, um auch Augenbrauen nach Chemotherapie wieder herstellen zu können.

Wer wir sind

Im folgenden findest du die Homepage der BWK GmbH und auf dieser auch die Künstler, die bisher im Projekt engagiert sind.
Mittlerweile erreichten mich einige Anfragen, wie man sich bei Andy Engel für diese Fortbildung anmelden kann. Da ich dazu keine Informationen habe und das Projekt sich noch im Aufbau befindet, bitte ich um Geduld. Sobald ich mehr dazu weiß, werde ich einen Artikel dazu schreiben.

Warum machen wir BWK?

Bei unserem ersten Kennenlernen im Seminarraum kamen die unterschiedlichsten Beweggründe zusammen, warum jeder Einzelne sich für dieses Projekt gemeldet hat. Eines haben wir jedoch gemeinsam: Wir möchten mit unserer Arbeit helfen und Gutes tun. Diese Formulierung klingt abgedroschen und nach einer müden Floskel. Will nicht jeder Mensch in seinem Leben Gutes tun und einer sinnenhaften Arbeit nachgehen? Ich denke ja, doch die wenigsten sind bereit, dafür echte Opfer zu bringen.

Andy Engel und ich am letzten Tag der Fortbildungswoche

Als Tätowierer ist man vor dem Gesetz kein Künstler, kein Handwerker und kein Kunsthandwerker. Wir sind Dienstleister, weil wir aus der Sicht des Gesetzgebers in erster Linie Dienst nach Kundenwunsch leisten. Trotzdem verstehen sich wohl die meisten Tätowierer als Künstler mit hohem kreativen Anspruch. Wir zeichnen Wanna-Dos, wir versuchen die immer gleichen Pinterest-Kundenwünsche in individuelle und persönliche Bilder umzuzeichnen und zeichnen nach Feierabend Illustrationen, die wir unseren Kunden als Prints für Zuhause anbieten.

Dienstleistung statt kreativer Eigenleistung

Seine Arbeitszeit nun in den Dienst einer Tätigkeit zu stellen, die fast keinerlei kreatives Zutun erfordert, ist aus meiner Sicht ein Opfer, das jeder von uns bringt.
Beim Tätowieren von Brustwarzen ist ein geschultes Auge und ein hohes Farbverständnis von Nöten. Die kreative Eigenleistung muss hinten anstehen, wenn es darum geht, eine Brustwarze anhand einer Fotovorlage zu tätowieren.

Realistisches Zeichnen lässt wenig kreativen Interpretationsspielraum

Belohnt wird der Verzicht auf kreatives Schaffen nicht nur durch Geld, sondern durch Patientinnen, die nach erfolgreicher Rekonstruktion ihrer Brustwarzen ihr altes Lebensgefühl zurück bekommen und teilweise unter Tränen ihre Erleichterung und Freude über das Ergebnis zum Ausdruck bringen.

Mein persönlicher Grund, Brustwarzen zu tätowieren

Ich möchte nicht zu philosophisch, aber ehrlich sein: Wenn ich einen normalen Tattookunden tätowiere und er mit meinem Werk absolut glücklich ist, ich aber Verbesserungsbedarf in Farbigkeit oder Komposition entdecke, dann wiegt die Freude des Kunden meine Selbstkritik nicht auf. Als kreativer Mensch bin ich von Natur aus selbstkritisch und sehe in allem Tun meinerseits Verbesserungspotential.

Beim Üben kann man sich eine kreative Spielerei erlauben…

Beim Tätowieren einer Brustwarze kann ich mich nicht steigern, wenn ich sie fotorealistisch tätowiert habe. Die Freude der Patientin ist mein Maßstab und ich brauche mich anschließend nicht zu fragen, ob hier und da vielleicht noch eine Ranke, ein zusätzliches Blütenblatt oder ein Dotwork die Tätowierung und die Komposition noch ansprechender gemacht hätte. Eine oder zwei fertige Brustwarzen sind genug, um meiner Arbeit einen Sinn zu geben. Die glückliche Patientin steht für mich in diesem Fall stellvertretend für unsere Gesellschaft. Ich möchte für unsere Gesellschaft eine Sinn stiftende Arbeit verrichten, indem ich Menschen auf dem Weg ihrer Gesundung begleite.

Für Patienten und Patientinnen

Wenn du diesen Artikel liest und auf der Suche nach einem geeigneten Künstler bist, um eine Brustwarzenrekonstruktion vorzunehmen, kannst du dich gerne bei mir melden oder auf der Homepage der BWK einen geeigneten Künstler für dich auswählen.
Bei weiterführenden Fragen, schreibe mir gerne eine E-Mail!