Corona, Tätowieren und andere Gedanken….

Es ist eine Ausnahmesituation, wie die Welt sie noch nicht erlebt hat. Historisch gesehen gibt es nicht oft Momente oder Zeiten, in denen alle gemeinsam den Atem anhalten und sich fragen, wie es „danach“ weiter geht. Nicht mal der 9. September 2011, den viele von uns bewusst miterlebt haben oder der Mauerfall in Deutschland hat die Welt so geschlossen und so intensiv beschäftigt und beeinträchtigt.
Hätte ich nicht so große Angst, würde ich den Pathos dieser Zeit fast genießen und mir bewusst machen, dass wir Zeitzeugen eines Ereignisses werden, dass in die Geschichtsbücher eingeht.
Meiner Meinung nach ist es jedoch der komplett falsche Zeitpunkt, um zu genießen, runterzufahren, sich zu besinnen und was wir nicht alles an Ratschlägen aus sämtlichen Medien momentan erhalten.

 

Die Arroganz der Privilegierten


Zugegeben, die Überschrift ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Jedoch brauche ich diese Übertreibung, um darzustellen, was mich in den vergangenen 48 Stunden so wütend gemacht hat.
Angefangen hat alles mit dem gut gemeinten Rat „Don’t panic“ Ja, mir ist auch klar, dass dieser eher auf Hamsterkäufer oder Ganzkörperkondomträger bezogen ist. Trotzdem verletzt mich dieser Ausspruch, wenn ich ihn gesagt oder geschickt bekomme.
Für uns Selbstständige und damit meine ich nicht nur die Tätowierer, ist momentan der triftigste aller Gründe, um in Panik zu geraten eingetreten.

Immer häufiger sieht man Posts, in denen von „runterfahren“ und „sich besinnen“ die Rede ist. Das sind alles schöne Ansätze und sicher gut geeignet für alle Personen, die keine Existenzängste haben müssen. Ebenso für Familien, die die gemeinsame Freizeit in ihren eigenen Gärten oder großzügigen Wohnräumen genießen. Wir sollten aber auch immer daran denken, dass es Menschen und Familien gibt, die auf engsten Raum mit ihren Kindern und ihren Ängsten leben. Da kann ein Ratschlag nach „Besinnung“ schon mal in den falschen Hals geraten.

 

Reale Ängste


Nicht mal das drohende Verbot von Tattoopigmenten durch die ECHA hat mich mehr in Sorge versetzt. Wir wissen doch alle, dass es auch ohne offizielle Farben irgendwie weiter gegangen wäre, zur Not im Untergrund.
In meiner Vorstellung gibt es nur zwei Gründe, warum es für uns nicht weiter geht und das ist 1. Krieg und 2. eine Pandemie. Besonders gruselig finde ich die Vorstellung, dass es uns alle betrifft. Ich glaube nicht an die Heilsversprechen der Regierung, dass wir alle entschädigt werden oder unbürokratische und schnelle Hilfe bekommen. Wenn dem so wäre, gäbe es bereits einen offiziellen Antrag, der sich ebenso viral verbreiten würde, wie Covid-19 und den jeder von uns bereits ausgefüllt und abgesendet hätte.

 

Die Hilfen für uns…


…sind momentan nicht da. Es sei denn, man betrachtet einen KFW-Kredit als Hilfe. Alle Anträge, Artikel und Hinweise von offizieller Stelle, die ich bisher recherchiert habe, treffen auf Einzelunternehmen, nicht jedoch auf die breite Masse zu. Es handelt sich um Ausgleichszahlungen bei behördlich angeordneter Quarantäne des Selbstständigen, um Ratenzahlung bei Steuerschulden und Kurzarbeitergeld für Unternehmen. Davon brauche ich und jeder andere Tätowierer höchstwahrscheinlich nichts…

 

Stay Home – aber fahr zur Arbeit


Dieser Rat ist für die gesamte Dienstleistungsbranche sehr fragwürdig. Was sollen wir denn auf der Arbeit, wenn alle anderen Menschen nur für die notwendigsten Besorgungen das Haus verlassen sollen? Eine Tätowierung gehört sicher nicht zum täglichen und lebensnotwendigen Bedarf. Trotzdem kommt niemand auf die Idee, auch für uns eine einheitliche Schließung anzuordnen.

 

Soziale Ächtung und eine zwei Klassen Gesellschaft


Da die Bundes- und Landesregierung es nicht für notwendig halten, endlich auch die Dienstleistungsbranche durch einen Erlass still zu legen, bilden sich momentan weltweit zwei Lager unter den Tattoostudios: die einen, die freiwillig schließen und dies mit dem Hinweis auf den Gesundheitsschutz aller begründen und jene, die sich an die Vorgaben der Regierung halten, geöffnet bleiben und es sich wahrscheinlich finanziell nicht leisten können, freiwillig zu schließen.
Ich finde es großartig, dass die Studios, die es sich leisten können, freiwillig schließen und somit ein hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein gegenüber ihren Mitmenschen beweisen. Ich hoffe nur, dass diese unglückliche Situation, in der die Frage nach dem Weitermachen oder Schließen den Shopinhabern selbst überlassen bleibt nicht dazu führt, dass sich zwei Klassen bilden oder Ächtungen folgen. Ich würde mir wünschen, dass wir auch hier Verständnis für die zeigen, die bis zur behördlich angeordneten Schließung weiter tätowieren, denn wir kennen ihre individuellen Gründe nicht.

 

Bleibt sozial, auch in Zeiten von Social Distancing


Dieses Verständnis wünsche ich mir ebenso von unseren Kunden.
Wir haben noch keine Entscheidung getroffen, wie es nach unserem Urlaub nächste Woche weiter geht. Trotzdem erreichen uns schon zahlreiche Zuschriften von Kunden, die sich auf durch Corona ausgefallene Termine bewerben und die Situation nutzen möchten, um rasch an einen Termin zu kommen. Ich hoffe sehr, dass falls wir freiwillig oder angeordnet schließen, auch unsere Kunden so fair sind, ihre Anzahlungen nicht zurück zu fordern und vor allem Verständnis dafür zu zeigen, dass die Termine sich unter Umständen sehr weit in die zweite Jahreshälfte verschieben.

In der Krise bemisst sich der Wert einer Gesellschaft. Lasst uns Verständnis füreinander aufbringen. Die Gefahr ist groß, dass im Internet eine Bewertungskultur entsteht. Viele richten über das Verhalten anderer, anstatt die gewonnene Zeit und Energie für sinnvolle Projekte zu nutzen, das muss nicht sein. Wenn jeder ein bisschen nett ist, ein bisschen hilft und ein bisschen Verständnis aufbringt, kommen wir alle gut durch diese außergewöhnliche Zeit.
In diesem Sinne bleibt gesund und tapfer und schreibt mir, wenn ihr Fragen habt!

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