Interview mit Tätowiererin Mandy
alias Nadeltante

Nadeltante

Zum zweiten Mal durfte ich eine Tätowiererin für meinen Blog interviewen. Im Gespräch ist heute Mandy Pause, besser bekannt als „Nadeltante“ aus Glauburg-Stockheim in Hessen. Mandy bereichert ihre tägliche Arbeit als Tätowiererin mit tollen gemeinnützigen Projekten und es war mir eine Freude, mit ihr darüber zu sprechen.

Hallo liebe Mandy, schön, dass du dich für ein Interview zur Verfügung stellst. Ich bin über deinen Instagram Account Nadeltante auf dich aufmerksam geworden und habe direkt gemerkt, dass wir einige Gemeinsamkeiten haben. Dein Profil mit vielen Blümchen, feinen Ornamenten und süßen Tieren gefiel mir sofort und so begann unser Kontakt. Wir sendeten uns Komplimente und waren uns direkt sympathisch – nicht immer üblich unter Tätowierern oder?

Fineline-Blümchen sind ein Schwerpunkt im Studio Nadeltante

Hallo Esther! Ich danke DIR, dass du dir Zeit nimmst für das Interview und freue mich, so Teil deines schönen Blogs werden zu dürfen. Ja, ganz genau – Blümchen, Mandalas… das alles ist voll mein Ding und das steche ich für mein Leben gern. Als du mir geschrieben hast, habe ich mich sehr darüber gefreut, gerade auch weil das was wir stechen an sich sehr ähnlich ist, aber vom Stil her nochmal komplett etwas Anderes ist, was ich super cool und interessant finde. Komplimente unter Tätowierern sind an sich nicht das Üblichste, aber ich muss sagen, dass ich persönlich dieses Konkurrenzverhalten am eigenen Leib noch nie zu spüren bekommen habe. Eher das Gegenteil ist bisher der Fall gewesen – eben dass man sich untereinander hilft und auch mal Fragen stellt und beantwortet bekommt. Man mag vielleicht zunächst an diesen „Rocker-Konkurrenzkampf“ denken, aber den habe ich, wie gesagt, zum Glück noch nie spüren müssen.

Da hast du Glück gehabt! Ich war bei einem richtigen Rocker in der Lehre und da habe ich die wildesten Geschichten gehört. Wenn damals jemand in den Laden kam, um nach Informationen oder Hilfestellungen zu fragen, konnte er froh sein, keine Prügel zu bekommen hihi. Die „Alten“ gönnten sich wohl nichts. Seit wann tätowierst du schon und wie hat es bei dir angefangen?

Ich tätowiere seit Anfang 2015. Während meines Studiums habe ich in den Semesterferien ein freiwilliges 4-wöchiges Praktikum in einem Tattoostudio absolviert. Wir haben uns dort so gut verstanden und ich scheine mich auch nicht ganz so schlecht angestellt zu haben 😀 denn obwohl man mir anfangs sagte, dass ich gerne mal reinschnuppern dürfte, sie dort aber keine Lehrmädchen nehmen würden, wurde mir nach der Praktikumszeit dort eine Lehrstelle angeboten. Neben meinem Studium arbeitete ich dann zweimal die Woche noch in dem Studio, schaute den Tätowierern dort über die Schulter, tätowierte Schweine- und Kunsthaut und schließlich dann auch meine Freunde. Bis es dann letztendlich hieß, dass ich nun bereit für die richtigen Kunden wäre.

Eine tolle Laufbahn bisher! Lehrstellen zum Tätowierer sind selten und somit heiß begehrt. Schön, dass es bei dir geklappt hat! Konntest du dein Studium trotzdem abschließen? Was hast du studiert?

Ja, das war wirklich wie ein 6er im Lotto bei mir! Mein Studium habe ich dann im Herbst 2016 erfolgreich beendet und darf mich nun Bachelor of Arts der Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt „Außerschulische Bildung“ und dem Nebenfach Soziologie nennen. Alleine um sich das zu merken braucht man fast schon einen Bachelortitel 😀

Hahaha, ja das habe ich auch grade gedacht! Und jetzt hast du schon ein eigenes Tattoostudio. Erzähl uns doch ein bisschen was von deinem Laden und wo die Kunden dich finden.

Mein kleines Reich gibt es seit Januar 2017 und man findet es unter dem Namen Nadeltante in der Vogelsbergstraße 15 in 63695 Glauburg-Stockheim, es ist sehr ländlich gelegen und liegt in der schönen Wetterau in Hessen. Mein Studio ist recht „minimalistisch“ gehalten, mit einer klaren Linie aus Schwarz und Weiß. Immer wieder bekomme ich von Kunden, die meinen Laden betreten gesagt, wie schön es bei mir ist – so sauber und „clean“, aber dennoch sehr gemütlich. Auch fällt oft der Satz „bei dir riecht es ja so gut“, denn ich lüfte nach jedem Kunden einmal durch und sprühe Raumduftstray – man fühlt sich direkt willkommen und genau so wollte ich es auch haben, das war mir von Anfang an sehr wichtig!

Das klingt wirklich sehr konträr zum klassischen Bild eines Tattoostudios! Bei mir ist es ähnlich, ich verzichte auf Dekorationen mit Tötenköpfen, dunklen Wänden oder anderen gruseligen Elementen und bekomme ebenfalls häufig Komplimente für die freundliche Atmosphäre. Ich kann mir vorstellen, dass auch die Nadeltante morgens gerne die Tür zu ihrem Studio aufschließt.
Wenn ich gefragt werde, was das Schönste an meinem Beruf ist, antworte ich meistens, dass ich den Beruf so erfrischend finde, weil er so sinnlos ist. Tätowierungen braucht kein Mensch. Man lässt sich tätowieren, wenn man Geld übrig hat und mutig ist und nicht an’s Alt-Werden denkt. Diese Vorstellung finde ich herrlich! Von dir weiß ich bereits, dass du deine Arbeit in besonderer Form mit einem Mehrwert und einem Sinn behaftest. Was hat es damit auf sich?

Mandy bereichert ihre tägliche Arbeit mit tollen Aktionen

Ja damit hast du absolut recht! Ich gehe jeden morgen mit einem Lächeln auf die Arbeit und freue mich auf den Tag – Tätowieren ist natürlich auch Arbeit und vor allem mit viel organisatorischem Aufwand verbunden, aber ich könnte mir einfach nichts besseres vorstellen – für mich ist es eher ein Hobbys, durch das ich eben gut leben kann. Ich bin erst 24 und kann das schon so sagen, das ist purer Luxus. Gerade deshalb war es mir von Anfang an wichtig, Etwas zurückzugeben. Als ich noch in meinem Lehrstudio arbeitete, habe ich immer meine Trinkgelder ans Tierheim gespendet. Bei meinem eigenen Laden dachte ich mir: „Warum nicht die Kunden direkt mit einbeziehen?“ Und so startet Nadeltante immer wieder Spendenaktionen zu bestimmten Themen und für die unterschiedlichsten Aktionen. So sind im Jahr 2017 mehr als 1000 Euro für das Projekt u25-Deutschland zusammen gekommen, die eine Anlaufstelle zur Suizidprävention für Jugendliche bieten. Anfang 2018 kamen für „Deutschland summt“ fast 1500 Euro zusammen und derzeit läuft eine Spendenaktion für „Herzenswünsche e.V“, die schwerkranken Kindern und Jugendlichen Wünsche erfüllen.

Das finde ich wirklich absolut vorbildich von dir! Ich bin ehrlich gesagt noch nie auf den Gedanken gekommen, etwas von meinen Einnahmen zu spenden. Das Trinkgeld zu spenden ist eine gute Idee, weil es nicht versteuert wird. Wie handhabst du die Einbindung der Kunden und wie organisierst du so ein Projekt?

Das ist ganz unterschiedlich – je nach Art des Projektes. Bei u25 gab es das Semikolon-Projekt, da wurde immer wieder ein und dasselbe feststehende Semikolon gestochen. Bei den Bienen gabs Flash-Mandalas und „Blumenbienen“ – die auch öfter gestochen wurden. Derzeit läuft eine Textaktion – ich habe mir von einer hessischen Poetry Slammerin einen Text schreiben lassen, der sich thematisch im Feld der Freundschaft, Nächstenliebe und Achtsamkeit bewegt. Der Text besteht aus 181 Wörtern, die ich nach und nach auf den Kunden verewige, die an der Aktion teilnehmen. So bekommt jeder sein eigenes Wort und wird somit zum Teil der Geschichte. Ich versuche bei den Aktionen immer etwas Anderes zu machen, damit sich so viele Leute wie möglich angesprochen fühlen. Sobald ich eine Idee für ein Projekt habe spreche ich das immer mal wieder bei den Kunden an und sehe so, wie die Idee ankommt – so verfeinere ich alles dann schließlich bis zur genauen Umsetzung.

Das klingt total spannend und ich kann mir vorstellen, dass es die alltägliche Arbeit immens bereichert! Vielleicht nehmen sich andere Tätowierer ein Beispiel an dir, wenn sie das Interview lesen und machen ähnliche Aktionen. Auf jeden Fall trägt es zur Verbesserung des Images der Tätowierer bei. Wie wichtig ist dir dein Image? Machst du die Aktionen völlig selbstlos oder hast du auch ein Interesse daran, das Image des Tätowierhandwerks und damit dein eigenes zu verbessern?

Ja das tut es auf jeden Fall – gerade bei dem Semikolon-Projekt kamen dadurch sehr tiefgründige Gespräche zustande, die es so sonst vielleicht nicht gegeben hätte. Um mein Image oder das des Tätowierhandwerks an sich hab ich mir noch nie wirklich Gedanken gemacht um ehrlich zu sein 😀 – ich denke, dass jeder anders arbeitet und dass das auch gut so ist. Es muss auch die „Rockerschuppen“ geben, das gehört eben einfach dazu. Ich möchte mit den Aktionen tatsächlich einfach etwas Zurückgeben, weil mir der Job an sich selbst so viel gibt.

Im Rahmen einer Spendenaktion für Jugendliche tätowierte Mandy vielen Kunden ein Semikolon

Ich denke, ich werde in Zukunft vielleicht auch mal so eine Aktion starten 😉
Gibt es auch Schattenseiten? Also Aspekte deines Berufes die dich sehr ermüden, frustrieren oder die du gerne vermeiden würdest?

Ohja mach das sehr gerne, ich kann es nur empfehlen – denn auch beim „Zurückgeben“ bekommt man wieder immens viel zurück – von den Kunden wie auch von den Organisationen, an die man spendet. Ein Teufelskreis des Glücks 😀
Wie in jedem Beruf gibt es auch Sachen, die einen frustrieren – wie beispielsweise Kunden, denen man hinterherlaufen muss oder die sich einfach überhaupt nicht damit auseinandersetzen, zu welchem Tätowierer sie gehen. Manchmal bekomme ich Anfragen für realistische Portraits, wobei ich mich dann wirklich frage, ob die Leute auch nur einmal meine Galerie durchstöbert haben 😀 Oder Anfragen wie „Wann hast du Zeit für ein Tattoo?“ – das bringt dann unendlich viel Zeitaufwand mit sich, wenn die Kunden nicht direkt mit ein paar mehr Infos rausrücken.
Auch das ist bei mir aber sehr selten, da die meisten sich die Infos auf meiner Nadeltante  Webseite durchlesen und so schon gut darüber informiert sind, wie es für beide Parteien am Einfachsten ist.
Viele Kunden fragen mich auch ob der Papierkram nicht super nervig ist – das empfinde ich aber eher als Ausgleich und wenn man das immer direkt erledigt nach dem Stechen, dann ist das auch garnicht so ein Berg, den man stemmen muss.
Das einzige, was derzeit als Schattenseite aufkommt ist die DSGVO und das neue Urteil über Facebook-Seiten, worüber man ja auch auf deinem Blog viel lesen kann und worüber wir uns auch schon fleißig ausgetauscht haben. Sowas ermüdet dann manchmal und nimmt einem so ein kleines Ministück am Spaß an der Sache.

Auch in diesem Punkt kann ich dir nur zustimmen. Sowohl was die Anfragen angeht, als auch das Thema DSGVO. Ich hoffe sehr, dass die DSGVO uns keinen Strich durch die Rechnung macht, was Facebook und Instagram betrifft. Wir beide hätten uns ohne Onlinedienste nie kennen gelernt und gleiches gilt sicher für viele unserer Kunden.

Ja ganz genau – die Zeit wird es zeigen, hoffen wir mal auf das Beste!

Etwas anderes bleibt uns nicht übrig hihi. Auf jeden Fall hast du mir mit deinem letzten Beispiel was Kundenanfragen angeht wieder Stoff für einen neuen Blogartikel geliefert. Mein Paradebeispiel dafür ist, wenn ich einen Entwurf für ein Tattoo dem Kunden präsentiere und er sagt: „Das ist mir alles etwas zu verspielt, zu weiblich und ich mag kein Watercolor“ „:D dann frage ich mich auch immer: Warum genau hast du dir mich als Tätowiererin ausgewählt? Darüber muss ich schreiben!

Ohja, auch ich hätte da noch einiges an Stories zu erzählen! Da kann man nur immer wieder sagen „manche leut'“ – das hab ich by the way auch auf meinem Fuß tätowiert 😀 – aber ohne solche Kunden wäre es ja auch irgendwie zu einfach und dann auch irgendwie langweilig.

Hahaha, du hast „Manche Leut“ auf deinen Fuß tätowiert?

Ja 😀 unten auf der Fußsohle, was ich wirklich schmerztechnisch niemandem empfehlen kann! An der Stelle hält ein Tattoo natürlich nicht so gut, aber dafür sieht es, finde ich, noch recht gut aus. „Manche Leut'“ ist so meine Go-To-Aussage, die musste einfach auf mir verewigt werden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass das Tattoo weh tat! Bei uns im Ruhrgebiet würde man eher sagen „Ey, manche Leute, ne“ 😀 Schön, dass du mit dieser lustigen Anekdote das Interview zu einem angenehmen Ende gebracht hast. Ich bedanke mich für deine Zeit und wünsche dir alles Gute für deine Arbeit als Nadeltante, obwohl ich natürlich hoffe, dass wir weiterhin in Kontakt bleiben.

Ich bedanke mich ebenso für deine Zeit und deinen tollen Blog, bei dem auch ich immer wieder was dazulernen kann! Ich freue mich schon darauf, dich mal persönlich zu treffen und wünsche auch dir weiterhin alles Gute!

 

Wenn ihr Mandy einen Besuch abstatten wollt oder mehr über ihre tollen Projekte erfahren möchtet, findet ihr sie auf folgenden Kanälen:

Facebook

 

Instagram

 

Webseite

Mail: nadel.tante@gmx.de

Die Nadeltante bei der Arbeit
Mandys Bienenprojekt brachte viele süße Tattoos hervor
Wie die meisten Tätowierer ist auch Mandy ein bisschen verrückt
Eins von vielen tollen Mandalas aus dem Hause Nadeltante
Blumen sticht Mandy sehr gern

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