Seit über einem Jahr unterstützt meine Assistentin Jenny mich in allen administrativen Bereichen, die im Tattoostudio anfallen. Jenny ist Kauffrau für Bürokommunikation und arbeitet parallel in einer Agentur, in der sie ebenfalls administrative Aufgaben erfüllt. Dass Jenny außerdem herausragend gut zeichnen kann, ist mir von Beginn unserer Zusammenarbeit an aufgefallen. Trotzdem hat es mehrere Monate gedauert, bis sie mir eröffnete, was ich schon lange ahnte: Jenny möchte eigentlich gar keinen Bürokram machen, sie möchte tätowieren. Warum sie sich nicht direkt als Azubine beworben hat, hat einen schwerwiegenden Grund. Jenny ist körperlich behindert…

Leben mit Behinderung

Keiner, der nicht selbst betroffen ist, kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, mit einer Behinderung zu leben. Auch ich habe mir zu Beginn meiner Zusammenarbeit mit Jenny nicht ausmalen können, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen hat.
„Tja, jeder hat sein Päckchen zu tragen.“ Dieser Spruch kommt einem leicht über die Lippen und wertet die Probleme der anderen in respektloser Weise ab.
Jenny ist 31 Jahre alt und arbeitet seit dem Schulabschluss in einem Beruf, der weder ihren Interessen, noch ihren Fähigkeiten entspricht, geschweige denn eine angemessene Vergütung enthält. Ihre Behinderung hat ihr bisher jede Möglichkeit verbaut, in einem Beruf zu arbeiten, der ihrer Leidenschaft und ihrem Talent Rechnung trägt.

Beim Zeichnen kann ich Jenny nicht mehr viel beibringen…

Arbeiten mit Kundenkontakt

Wir Tätowierten kenne uns gut aus mit dem leidigen Thema Kundenkontakt. Wer nicht grade in der Kreativbranche arbeitet, muss mit der Wahl seiner Tätowierungen aufpassen, wenn er im Beruf mit Kunden umgehen muss. Tätowierte Hände oder ein permanent geschmückter Hals kommen nicht in allen Jobs gut an.
Auch Jenny hatte den Traum, im Kreativbereich mit viel Kundenkontakt zu arbeiten. Fotografin, Tätowiererin oder einen gleichwertigen Beruf, in dem man schöpferisch und mit Menschen zusammen arbeiten kann, war immer ihr Ideal. Jenny hat ein freundliches, aufgeschlossenes Wesen, ist stets höflich und hat ein gepflegtes Erscheinungsbild… oder?

„Du glaubst ja wohl nicht wirklich, dass du so mit Models arbeiten kannst?“
„Sorry, aber mit dem Aussehen, kannst du unsere Modelle nicht anfassen. Was sollen die Damen denken, wenn du mal bei einem Shooting die Kleidung richten musst?“

Solche und ähnliche Sätze hat Jenny sich unzählige Male in Bewerbungsgesprächen anhören müssen.
Sie hat das Pech, dass ein Aspekt ihrer Behinderung sichtbar ist – und zwar immer.

Tätowieren mit Behinderung

Sichtbare Behinderungen und mangelnde Toleranz

Aufgrund einer Erbkrankheit, die die Gene der Hornstruktur verändern, hat Jenny ein vermehrtes Hornhautwachstum. Ihre Handinnenflächen ähneln denen eines hart arbeitenden Gärtners, der den ganzen Tag Schaufeln und Rechen schwingt. Auch ihre Fußsohlen bilden so viel Hornhaut aus, dass ihr das Stehen und Gehen oft unerträgliche Schmerzen bereitet.
Doch am schlimmsten wirkt sich dieser Defekt auf die Nägel aus. Finger- und Fußnägel wachsen nicht, wie bei dir und mir flach in die Länge, sie wachsen nach oben und in die Breite. Dieses Phänomen lässt Jennys Nägel dunkler erscheinen und ist für jeden Mitmenschen sichtbar.
Oft musste sie erleben, dass Menschen sich vor ihr ekeln. Wir haben alle genug Fernsehwerbung über Nagelpilz und deren Ansteckungsgefahr gesehen, um bei einem andersartigen Aussehen der Nägel angewidert zurück zu schrecken.
Und als wäre das noch nicht genug, kämpft Jenny seit vielen Jahren mit einer ausgeprägten Form der Neurodermitis. Gesellen sich zu ihren dunklen, groben Nägeln noch rote Hautausschläge hinzu, stößt die Toleranz gegenüber Kranken bei den meisten Menschen an ihre Grenzen.

Die Handschuhe erleichtern Jenny das Arbeiten am Kunden, da niemand auf ihre Nägel starrt.

Man muss sich die Situation vorstellen, dass eine Kassiererin nicht bereit ist, das Wechselgeld in Jennys Hand zu legen und es auf das Kassenband wirft. Jenny, die durch ihre veränderte Nagelstrukutr mit diesen keinen Schaufeleffekt erzielen kann, ist es kaum möglich, die Taler vom Kassenband aufzuheben.So wird sie nicht selten vor der ganzen Kassenschlange in Bedrängnis gebracht. Jeder kennt die Situation, wenn man es nicht schafft, einen Taler aufzuheben. Stelle dir doch beim nächsten Einkauf mal zusätzlich vor, du hättest keine Nägel am Rand deines Fingers und niemand ist bereit, dir zu helfen, weil alle sich offensichtlich vor dir ekeln.

Jennys Krankheit ist nicht ansteckend

Ich möchte Jenny die Möglichkeit bieten, ihr ausgeprägtes Zeichentalent und ihr Einfühlungsvermögen im Umgang mit Menschen zum Beruf zu machen. Jenny möchte Tätowiererin werden und in einem Beruf arbeiten, in dem ihre Leidenschaft und ihr Talent zum Einsatz kommen können. Gemeinsam wollen wir auch für Toleranz und Akzeptanz gegenüber Behinderungen eintreten. Dafür brauchen wir natürlich die Unterstützung unserer Kunden und dafür entsteht auch dieser Artikel. Das Thema Inklusion ist seit Monaten und Jahren ein Topthema in den Medien, aber wie sieht es aus, wenn es unser Umfeld und unseren Alltag erreicht? Können wir dann die Vorurteile, die Scheu vor dem Unbekannten und die überwinden?
Jennys Krankheit ist nicht ansteckend und behindert sie beim Tätowieren in keiner Weise, so lange die Kunden sie und ihr Aussehen akzeptieren. Darauf hoffen wir sehr!

Jennys erste Versuche auf Kunsthaut sind vielversprechend.

Neue Tätowiertechnik ermöglicht Jenny das Arbeiten

Bis vor wenigen Jahren hätte Jenny noch nicht in diesem Beruf arbeiten können. Die teils anspruchsvolle Technik der althergebrachten Spulenmaschinen hätte Jenny vor unüberwindbare Hindernisse gestellt. Mit ihren andersartigen Fingernägeln ist es ihr nicht möglich, eine Tätowiernadel an der Armaturbar der Tätowiermaschine zu befestigen. Deswegen lernt Jenny bei mir direkt mit neumodischen Rotary-Maschinen, die mit Nadelmodulen und einem simplen Stecksystem arbeiten.
Diese Vorgehensweise ist im Tätowierbusiness teilweise verrufen, da die allgemeine Meinung herrscht, jeder müsse den Umgang mit Spulenmaschinen beherrschen. Die neuartigen Pens und Hawks und all ihre verwandten Modelle stoßen häufig auf Ablehnung, da sie das Tätowierhandwerk vereinfachen. Für Jenny ist diese Technik ein Segen und das machen wir uns zu Nutzen.

Das zweite auf Menschenhaut gestochene Tattoo von Jenny!

Rückenleiden bei Tätowierern – für Jenny kein Thema

Zusätzlich zu ihrem Hornhautleiden hat Jenny noch eine verkrümmte Wirbelsäule. Sport, langes Stehen und Gehen, sowie Tätigkeiten mit viel Bewegung sind ihr nicht möglich. Die Schmerzen durch das Hornhautwachstum an den Füßen werden ergänzt durch unvermeidbare Rücken- und Beinschmerzen. Es kommt ihr mit dieser Erkrankung also im Gegensatz zu allen anderen Tätowierern entgegen, dass wir in diesem Beruf den ganzen Tag sitzen und uns möglichst wenig bewegen.

Chancengleichheit, Inklusion, Gleichberechtigung

Es gibt so viele schöne Begriffe, die den Umgang mit behinderten Menschen im Alltag formen und idealisieren sollen. Ob die Zusammenarbeit dann aber wirklich funktioniert, hängt von uns als Gesellschaft ab. Ich möchte Jenny die Chance geben, in ihrem Traumberuf zu arbeiten und ich hoffe sehr auf die Toleranz und das Verständnis meiner Kunden. Nur wenn ihr als Kunden Jenny auch so akzeptiert, wie sie ist, kann eine Zusammenarbeit und eine Karriere für Jenny möglich werden.

Ab sofort ist es möglich, bei Jenny Termine zu vereinbaren. Da sie noch ganz am Anfang steht, sind die Tattoos sehr günstig und es sind nur kleine, schlichte Motive möglich. Anfragen bitte per Mail 🙂