Über Corona, Doppelmoral, Aluhut-Träger und Existenzängste

Soeben habe ich mir meinen ersten Blogartikel zu Beginn der Corona-Krise durchgelesen. In dem Artikel von Mitte März spreche ich offen über meine anfängliche Angst vor dieser Situation in Bezug auf meine Existenz. Ich sage, dass ich nicht an unbürokratische finanzielle Hilfen glaube und dass ich mich vor sozialer Ächtung und einer Teilung der Gesellschaft fürchte.

Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Was meine persönliche Panik-Kurve betrifft kann ich sagen, dass ich während der gesamten Zeit im „Homeoffice“ eine beachtliche Berg- und Talfahrt absolviert habe.
Mitte März kämpfte ich schlicht gegen die blanke Angst. ich habe nicht geglaubt, dass es Hilfen vom Staat geben würde. Die unbekannte Situation einer Pandemie hat mich extrem verunsichert und am meisten stresste mich der Gedanke, längere Zeit ohne Kunden, Arbeit, Freunde, Familie mit mir selbst zu verbringen.

Gefühlschaos und Erholung

Irgendwann setzte ein Gefühl der Gewohnheit ein. Ich lernte, mit den verwirrenden, widersprüchlichen Berichterstattungen seitens der Medien umzugehen oder diese zu ignorieren. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis ich mir nicht mehr zwanghaft sinnvolle Beschäftigungen gesucht habe, sondern mir erlaubte, die freie Zeit auch mal zu genießen.
Zugegeben, in der Zwischenzeit hatte ich 9.000€ Soforthilfe überwiesen bekommen, was das Entspannen grundlegend erleichterte.
So fing ich wieder an zu zeichnen und Dinge zu tun, die ich mir im normalen Arbeitsalltag nie erlauben würde. Es hat ganze acht Wochen gedauert, bis mein Körper sich daran gewöhnt hat, ausschlafen zu dürfen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich dieses Gefühl des Morgens nicht gehetzt zu sein seit den Sommerferien als Schülerin nicht mehr gefühlt habe.

Hetze und Missgunst…

Was blieb und bis heute da ist sind die Sorgen in Bezug auf die gesellschaftliche Entwicklung. Ich habe mit vielen Menschen in meinem Umfeld darüber gesprochen. Die meisten bestätigen meinen Eindruck, dass die Hetze, Missgunst und vor allem die Bewertungskultur (auf ungefragter Basis) im Internet extrem zugenommen hat. Oliver Pocher ist mit seinen IG-TV-Videos gegen ausgewählte Influencer das prominenteste Beispiel.
Ich dachte anfangs, dass die Menschen nur das Verhalten der Anderen in Bezug auf die Corona-Krise kritisieren und anprangern würden. Dies ist auch geschehen und nimmt gefühlt immer noch zu: siehe große Demonstrationen der Aluhutträger. Doch auch das öffentliche Anprangern von Verhaltensweisen, die nicht direkt mit der persönlichen Einschätzung der Pandemie zusammen hängen, findet regen Zulauf.

…statt sachlicher Diskussion

Bedauernswert finde ich in diesem Zusammenhang, dass die Menschen scheinbar verlernt haben, sachlich zu diskutieren. Wenn man geteilter Meinung zu einer Sache ist, heißt das nicht, dass man die andere Person auf ihrer persönlichen Ebene kritisiert. Man ist lediglich anderer Meinung. Ich finde es sehr schade zu sehen, dass Familien in Streit geraten, wenn es um Sinn und Unsinn eines Mundschutzes geht. Freundschaften nehmen Schaden an der Frage, ob Corona nun wirklich eine Pandemie oder doch eher eine Neuordnung der globalen Machtverteilung ist.
Und auch vor unserem Tattoobusiness machen diese Grundsatzdiskussionen mit schädigender Wirkung nicht halt.

Eine Fahne im Wind?

Wenn ich öffentlich sage, dass ich es für bedenklich halte Kunden während einer Pandemie zu tätowieren, weil es eventuell das Immunsystem der Kunden belastet, dann greife ich damit niemanden persönlich an, der anderer Meinung ist. Ich sage damit nur, wie ich mich verhalten möchte. Wenn mir jemand den wissenschaftlichen Beweis liefert und eine seriöse Quelle vorlegen kann, dass Tätowieren während einer Pandemie in Bezug auf das Immunsystem nicht schädlich ist, dann bin ich bereit, meine Meinung zu revidieren. Dadurch werde ich nicht automatisch zu einer Fahne im Wind, sondern ich bleibe, was ich bin: ein selbst denkender Mensch mit Sinn, Verstand und Verantwortungsbewusstsein. So lang ich diesen Gegenbeweis aber nicht sehe, bleibe ich bei meiner Einschätzung. Das heißt jedoch nicht, dass ich Kollegen, die anderer Meinung sind diskreditiere, abwerte oder auf persönlicher Ebene kritisiere. Wenn man das tut, leidet nur eines, nämlich der konstruktive und fruchtbare Austausch.

Nicht-Wissen ist die größte Gefahr

Wir müssen uns bewusst machen, dass die große Gefahr in dieser Pandemie das Nicht-Wissen ist. Unsicherheiten und fehlendes Wissen erzeugen Ängste und sind ein idealer Nährboden für Verschwörungstheorien. Meiner Meinung nach ist der wichtigste Baustein auf dem Weg zu einem gesunden Umgang mit dieser Situation die Flexibilität im Kopf. Ich muss nicht aus Gründen des Stolzes auf meiner Meinung beharren, wenn diese nach drei Tagen durch brandneue wissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt wurde. Vor allem, wenn ich eine große Reichweite auf Social Media habe oder mein Freundeskreis großen Wert auf meine Einschätzung legt, ist es wichtig, neue Erkenntnisse zuzulassen.

Ein Beispiel: Anfang März hatte ich eine Grippe. Bestückt mit sämtlichen Corona-Symptomen rief ich bei meiner Hausarztpraxis an, um zu erfragen, wie wir nun vorgehen. Ich sollte ganz normal in die Praxis kommen und gemeinsam mit den anderen Patienten im Wartezimmer auf die Behandlung warten. Da ich ein sehr hypochondrischer Mensch bin, kam ich mit Mundschutz in die Praxis. Zur Erinnerung: Anfang März trugen höchstens Chinesen freiwillig einen Mundschutz in der Öffentlichkeit. Mit diesem Outfit löste ich große Erheiterung bei den Arzthelferinnen aus. Als ich zwei Wochen später nach der behördlichen Schließung in die Praxis kam, um unsere Desinfektionsmittel zu spenden, trugen plötzlich alle einen Mundschutz – auch ohne Corona-Symptome.

Im Kopf flexibel und kritisch bleiben

Die Arzthelferinnen waren also in der Lage, ihre Meinung in Bezug auf die Wichtigkeit des Mundschutzes zu revidieren und haben damit wahrscheinlich viele ihrer Patienten und sich selbst vor einer Ansteckung geschützt. Ich könnte diesen Artikel noch ewig weiterführen und auf jeden einzelnen Punkt eingehen, an dem ich unfruchtbare Debatten gesehen habe, meine eigene Einschätzung um 180° Grad gedreht habe oder ich Menschen sehe, die sich aufgrund ihrer eigenen Existenzängste zu fragwürdigen Einschätzungen verleiten lassen. Aber ich denke, dass meine Meinung klar geworden ist. Wir müssen unseren Stolz runter schlucken, uns weiter informieren und vor allem auch gegenteilige Meinungen in unsere Bewertungen einbeziehen. So können wir als Gesellschaft lernen und wachsen und erleichtern uns den Umgang mit dieser Situation effizienter, als wenn wir unsere Energie mit Hetze und Hassreden verschwenden.

In diesem Sinne bleibt weiterhin gesund und vor allem kritisch und flexibel im Kopf!

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