Zum Buntspecht Tattooblog

Krank zum Tätowierer
oder: Oh nein, mein Tätowierer ist krank…

An einem trüben Tag im Januar war es mal wieder soweit. Ich sitze mit meiner Kundin im Laden, wir quatschen und tätowieren und plötzlich frage ich mich, warum mich ein kleines Tattoo so anstrengt… Ich ahne schon etwas: ich brüte etwas aus, ich werde krank…
Wer selbstständig ist, studiert oder sich in einer Prüfungsphase befindet, der kennt das darauffolgenden Gefühl der Angst: Wie soll ich das jetzt schaffen? Grade jetzt passt es doch gar nicht – ich kann mir diese Woche nicht frei nehmen. Eine Erkältung bedeutet immer Stress: traurige Kunden, unbezahlte freie Tage, Terminverschiebungen und aufgestaute Arbeit…

Ich will nicht krank werden

Nach der Arbeit rase ich also direkt durch den Edeka: Zutaten für eine gesundheitversprechende Hühnersuppe einkaufen, dazu zwei Kilo Hustenbonbons und natürlich Saft mit Special Features. Vitamin A-Z, Chia, Leinsamen o.Ä., Koffein und was die Lebensmittelindustrie sich noch alles einfallen lässt, um unser Immunsystem angeblich zu stabilisieren.
Danach geht es in die Apotheke, mit blanker Panik in den Augen wird die Apothekerin angefleht zu geben, was ihr 300-Schubladen-Schrank hergibt, um die drohende Erkältung zu stoppen.
Zuhause am Küchentisch, umringt von Sellerie, Petersilie, Aspirin und mit einem toten Huhn im Topf wird deutlich, ich schaffe es noch nicht mal die Hühnersuppe zu einem erfolgreichen Ende zu bringen, geschweige denn die restliche Arbeitswoche, ich möchte einfach nur in mein Bett…

Auch aufwendige Entwürfe müssen bei einer Erkältung pausieren, wenn der Kopf schlapp macht…
Jetzt muss ich allen Kunden absagen…

In solchen Momenten beneide ich meinen Freund, der im Krankheitsfall morgens vom Bett aus seinen Chef anruft, sagt, dass er krank ist und sich wieder in die Kissen kuschelt.

Ich schleppe mich an den Schreibtisch, schlage den Terminkalender und klappe den Laptop auf und lasse die Namen auf mich wirken, die in den folgenden Minuten eine Terminabsage schlucken müssen.

Ein Kunde hat mir schon drei Emails geschrieben, in denen er mir lebhaft seine Vorfreude schildert, meine Donnerstagskundin hat schon vor Monaten Urlaub für ihren Tattootermin eingereicht und am Freitag wollen drei potenzielle Neukunden den frühen Feierabend für ein Beratungsgespräch mit mir nutzen… ich darf nicht krank werden!

In der Regel bekomme ich von allen Kunden eine Antwort auf meine Absage.
Im Idealfall haben alle Verständnis und wünschen mir gute Besserung. Die meisten Kunden freuen sich, wenn der Tätowierer ehrlich zugibt, dass er körperlich nicht in der Lage ist zu tätowieren.

Welcher Kunde bleibt entspannt, wenn der Tätowierer sich nicht gut fühlt?
Manche Kunden haben Verständnis, wenn ich krank bin, andere werden sauer…

In Zeiten von Social Media kommen mir mache Kunden sogar mit der Terminabsage zuvor. Sobald ich zum Beispiel auf Instagram gepostet habe, dass ich krank bin, trudeln die ersten Genesungswünsche ein. Terminkunden bieten von sich aus eine Verschiebung an und wünschen mir gute Besserung.
Manchmal stößt man jedoch auch auf Unverständnis und grenzenlose Enttäuschung. Letzteres kann ich, meines Zeichens ja selbst oft Tattoo-Kunde, voll und ganz nachvollziehen. Allerdings tut es wirklich weh, wenn man auf eine Absage aufgrund von unverschuldeter Erkrankung auch noch schriftliche Predigten als Antwort erhält. Ich finde es wirklich erschreckend, dass manche Kunden einem regelrecht Vorwürfe und ein schlechtes Gewissen machen. Doch auch, wenn der Kunde einen Urlaubstag beantragt hat, eine Kinderbetreuung organisieren musste oder andere Umstände hatte: ich kann garantieren, dass ich derjenige bin, der stärker unter dem Umstand der Erkrankung zu leiden hat. Ich verärgere mir nicht nur die Kunden, ich habe auch einen unfreiwilligen Urlaubstag, muss diesen krank im Bett verbringen und auch noch selbst bezahlen! Mit jedem weiteren Tag, den ich krank im Bett verbringe, häuft sich die Arbeit an, die ich im Nachgang aufarbeiten muss. Wahlweise passiert das am Wochenende oder nach Feierabend sobald ich wieder arbeitsfähig bin.

Auch von anderen Tätowieren habe ich schon ähnliche Geschichten gehört, in denen Kunden kein Verständnis dafür aufbringen, wenn man aufgrund von Krankheit den Termin verschieben muss. Das kann ich gar nicht nachvollziehen. Wer möchte schon von jemandem ein dauerhaftes Hautbild gestochen bekommen, der nicht zu 100% fit ist?

Der Tätowierer gefährdet seine Kunden, wenn er krank arbeiten geht.

Ich bin ehrlich, ich nehme mir immer mehr Krankentage, als nötig. Wenn mein gesundheitlicher Zustand nur leicht angeschlagen ist, bleibe ich lieber zuhause, als das Risiko auf mich zu nehmen, einen Fehler zu machen. Mit einem kleinen Schnupfen oder leichtem Halskratzen kann ich immer noch Vorlagen anfertigen, E-Mails beantworten oder, wie jetzt, einen Blogbeitrag schreiben. Hätte ich einen Bürojob, würde ich wahrscheinlich arbeiten gehen. Tätowieren jedoch, ist mir in diesem Zustand zu riskant. Meine Konzentration ist nicht 100%ig vorhanden, eventuell hatte ich durch die Schnupfnase keinen erholsamen Schlaf und außerdem bin ich ansteckend.

Bestimmte Erkältungsviren, die mittels Tröpfchenübertragung in die Tätowierung gelangen können, führen zu schwersten Infektionen beim Kunden. Im schlimmsten Fall kann eine Amputation der betroffenen Gliedmaße notwendig werden. Es gibt Fälle von Operationen, bei denen der operierende Arzt seinen Patienten mit Erkältungsviren angesteckt und die Wunde so stark infiziert hat, dass es zur berüchtigten -Infektion kam. Diese ist auch bekannt als „Besser arm dran, als Arm ab – Krankheit“.

Bitte geht niemals krank zum Tattootermin!

Gleiches gilt natürlich auch im umgekehrten Fall. Es ist dem Tätowierer gegenüber sehr rücksichtlos krank zum Termin zu erscheinen. Wenn man stundenlang auf engstem Raum zusammen arbeitet, ist die Ansteckungsgefahr sehr hoch. Der Tätowierer bekommt im Falle einer Erkältung jedoch kein Gehalt und hat im Nachgang jede Menge Stress, um alle Kundentermine nachzuholen.

Außerdem hält der kranke Kunde erfahrungsgemäß nicht lange durch und die Sitzung muss vorzeitig abgebrochen werden.

Tätowiert werden ist anstrengend und der Körper muss gesund sein, um die Prozedur gut wegstecken zu können.

Das erlebe ich übrigens nicht selten: Kunden kommen völlig verschnupft zum Tattootermin, weil sie lieber sterben, als den Termin zu verschieben. Das bringt keinem was. Im Zweifel schafft man gar nicht länger, als 30 Minuten, weil der Körper nicht fit genug ist, um tätowiert zu werden und beide gehen ohne Mehrwert aus dem Termin.

Erkältungsviren können in das frische Tattoo eindringen!
Erkältungen nehmen sich ihre Zeit

Trotzdem kann ich nach vielen Jahren Selbstständigkeit nur an alle Jung-Selbstständige appellieren (und natürlich auch an alle Arbeitnehmer, die so arbeitswütig und verliebt in ihren Job sind, dass sie die eigene Gesundheit gerne mal ganz hinten anstellen): nehmt euch die nötige Zeit, um wieder ganz fit zu werden! Jeder andere Weg rächt sich. Lasst euch nicht von Fernsehwerbung blenden, die verspricht, dass ihr nach der Einnahme von Wunderwaffe XY am nächsten Tag wieder absolut leistungsfähig auf der Matte steht und ihr euch von Erkältungen nicht ausbremsen lassen sollt. DOCH! Erkältungen bremsen uns aus und das müssen sie auch. Der Körper braucht Zeit, um sich gegen immer neue Virenstämme immunisieren zu können. Es ist auch nicht kollegial, krank zur Arbeit zu kommen und alle anderen anzustecken…

Vielleicht bist du auch selbstständig oder Tätowierer/in und kennst das Problem? Dann schildere doch gerne in den Kommentaren deine Erfahrungen mit dem Thema Krankheit in der Selbstständigkeit. Oder bist du Tattookunde und hast Erfahrungen mit Terminabsagen durch Krankheit gemacht? Bist du dann zu einem anderen Tätowierer gegangen? Hast du vielleicht auch negative Erfahrungen gemacht, zum Beispiel, dass dein Tätowierer jeden zweiten Termin wegen einer vorgeschobenen Krankheit abgesagt hat?
In diesem Sinne: Gute Besserung! 🙂

 

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