Lernen an der Tattooakademie – Interview mit Kathryn

Meine dritte Interviewpartnerin auf dem Blog ist noch keine „fertige“ Tätowiererin. Kathryn kommt aus Österreich und lernt das Tätowieren an einer Tattooakademie. Wie sie dazu gekommen ist und was sie in der Ausbildung macht, erfährst du in diesem Interview.

Hallo liebe Kathryn, vielen Dank, dass du dich für ein Interview zur Verfügung stellst und herzlich Willkommen auf meinem Blog! Wir wollen heute über deinen Ausbildungsweg hin zur professionellen Tätowiererin sprechen. Im Vorfeld hast du schon angedeutet, dass dort einige Hürden zu überwinden waren, bis du an einer Tattooakademie gelandet bist. Erzähl doch mal ein bisschen was über dich. Wie alt bist du, wo kommst du her?

Hallo liebe Esther! Zuerst möchte ich mich nochmals bei dir bedanken! Seit Wochen lese ich in deinem Blog und konnte schon beim Lesen jede Menge mitnehmen, umso erfreuter war ich, als ich deine eMail im Postfach fand! Zu mir; ich heisse Kathryn, wohne derzeit in Wien und bin soeben 27 Jahre geworden. Meine Schullaufbahn hat in einer Kunstschule mit dem Schwerpunkt plastisches Gestalten geendet. Vor meinem jetzigen Job war ich fast ein Jahrzehnt Rettungssanitäterin, eine Zeit lang in der Führungsebene als Gruppenkommandantin tätig, zudem hobbymässig in einer Sondereinheit für chemische, biologische und nukleare Schadstoffe [ CBRN ] sowie in der Rettungshundestaffel unter dem Roten Kreuz. Du siehst, es gab recht viel Action in meinem bisherigen Leben. Inzwischen arbeite ich in einer Einrichtung für wohnungslose Menschen, Männer und Paare mit meist harter Lebensgeschichte. In diesem Obdachlosenheim bin ich auch als Einschulerin für neue Mitarbeiterinnen zuständig. Das ist mein beruflicher background, der mich auch ein wenig ausmacht, denke ich- meistens habe ich es gern aufregend, bunt und abwechslungsreich!

Oha, das klingt wirklich spannend! Woher kam oder wie entstand bei dieser Laufbahn der Wunsch, Tätowiererin zu werden?

Meine ganze Kindheit über wurde mir gesagt, wie unglaublich schade es ist, mit meinen Zeichnungen kein Geld zu verdienen- das hat sich ein wenig festgefressen, und ich dachte lange nicht, dass es doch einen Weg gibt, damit selbstständig zu sein.

2013 hat mich eine Tätowiererin gefragt, wie es eigentlich bei mir ist, ob ich jemals den Gedanken hatte, selbst zu stechen – damals war ich aber noch so selbstkritisch, dass ich nicht zufrieden genug mit einem Werk war, um es auch unter die Haut zu bringen. Heute sehe ich viel mehr den Prozess und die Freude am Moment, weswegen ich unglaublich froh bin, mich doch für dieses Handwerk entschieden zu haben. Endlich kann ich meine soziale Ader mit meinem kreativen Kopf verbinden!

Das kann ich gut verstehen! Das gleiche wurde mir auch immer gesagt. Eine Selbstständigkeit als Illustratorin oder gar Künstlerin fand ich jedoch zu unsicher und, wie du schon sagst, die soziale Ader wird beim Tätowierern viel mehr gefordert und gefördert, als beim Malen allein am Schreibtisch. Also hast du dich auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz gemacht – oder hat dir die Tätowiererin direkt einen Platz angeboten?

Vielleicht- so genau kann ich deine Frage leider nicht beantworten! 😀 Vermutlich war das die ultimative Chance auf einen Ausbildungsplatz, die ich aufgrund meiner damaligen abwehrenden Antwort wohl von mir abgewendet habe… Aber alles kommt, wie es kommen soll- und so habe ich mich im letzten Jahr auf die Suche nach einem Ausbildungsplatz gemacht.

Was sich als schwieriger herausgestellt hat, als ich es mir ausgemalt habe. Gerade in der Hauptstadt Wien sind nur wenige TätowiererInnen tätig, die auch Leute ausbilden – meistens stellen diese Bekannte ein, oder nehmen nach Empfehlung auf. Ein halbes Jahr habe ich alle möglichen Studios mit toller Google- Bewertung abgeklappert, habe eMails geschrieben, persönlich meine Zeichenmappe präsentiert und meistens viel Lob, aber keine Stelle erhalten.
Zugegebenermaßen bringe ich zu viel Berufserfahrung mit, um halbtags als Putzkraft in einem Studio angestellt zu sein- so stellen sich offenbar die meisten Inhaber eines Studios die Anfangszeit als PraktikantIn vor. Mir wurde ein Platz angeboten, wo ich für ein halbes Jahr 25.000 Euro zu zahlen hätte. Ohne Einkommen und Fixkosten wäre das nicht zu bewerkstelligen gewesen..

Also ist mein Wunsch gewachsen, es eigenständig und ohne fremder Hilfe zu versuchen. Nachdem ich das verschriene China- Billigsdorfer- Tattooset an die Wand geklatscht habe und mir eine eigene, gute Maschine geleistet habe, wuchs der Wunsch immer mehr, das Handwerk von Grund auf und ausgiebig zu lernen. Und wenn ich mir etwas in den Kopf setze, beisse ich solange rein, bis es Wirklichkeit wird, haha.
Recht zufällig bin ich über die Homepage meiner jetzigen Tattooakademie gestolpert, habe einige Wochen gezögert und mich dann schlussendlich dazu entschieden, jemanden zu bezahlen, um mich in einer Akademie auszubilden. In Wissen zu investieren, war noch nie eine schlechte Idee!

Ich glaube, dass es hier in Deutschland nicht anders ist. Wir haben zwar eine sehr hohe Studiodichte vor allem hier im Ruhrgebiet, aber einen Ausbildungsplatz zu finden, ist nicht einfach. Mir sind auch kaum Fälle bekannt, in denen sich die Tätowierer die Ausbildung nicht bezahlen lassen. Natürlich ist das unangenehm für denjenigen, der lernt, aber der Tätowierer lässt sich sein selbst erworbenes Wissen und seine Lehre bezahlen, ich denke das ist legitim. Die Tattooakademie ist sicher auch kostenpflichtig? Wie muss man sich die Ausbildung dort vorstellen? Ist das sowas wie ein Studium neben dem Beruf?

Ja, ich stimme dir absolut zu! Je mehr ich über das Gewerbe und die Vorarbeitszeit lerne, die es braucht, bis man den eigenen Shop eröffnen kann, desto besser verstehe ich, dass man sich all das Geld auch wieder zurückholen muss! Genau – letzten Oktober hat die Akademie begonnen, Ende April sind die Perfektionstage, danach kommt noch eine Stärken- Schwäche- Analyse. Also auch ca ein halbes Jahr. Vielleicht erzähle ich dir ein wenig, wie die Zeit dort aufgebaut ist? Im Grunde genommen sind es immer Blocks, einmal im Monat, jeweils drei Tage. Am Anfang gab es ein großes Zeichenmodul, wo wir Licht/Schatten, Formen, Farben und Perspektive erlernt oder geübt haben. Mein persönlicher Eindruck war, dass viel Wert darauf gelegt wurde, da anzusetzen, wo die Einzelpersonen gerade stehen. Obwohl ich mein ganzes Leben schon zeichne, hat mir die Übung mit der Basis wirklich geholfen und gut getan.

Das nächste Modul war die Technik, wo wir unterschiedliche Maschinen verschiedener Hersteller ausprobieren konnten, das richtige Zusammenbauen von Spulenmaschinen erlernt haben und auch schon auf die Kunsthaut gelassen wurden. All das Material wird uns zur Verfügung gestellt – was ich als sehr positiv empfinde, da man doch eine breite Vielfalt von Produkten durchprobieren kann. Kostenpflichtig ist die Akademie, ja- ich habe rund 7.600€ gezahlt. Meine Meinung ist, dass man natürlich etliches besser machen könnte, vielleicht mehr Praxis, aber man besonders bei den Intensivtagen, wo es ein Überthema gibt, wirklich viel lernen kann!

Das klingt doch schon mal sehr solide und ähnelt im Grunde meiner Ausbildung in einem Studio. Was die meisten Leser und mich jetzt interessiert: übt ihr nur an Kunsthaut oder auch an Menschen?

Anfangs war es natürlich nur auf Kunst- und Schweinehäuten, aber die Intensivtage finden auch an Modellen statt, die wir mitbringen. Dabei wird ganz klar kommuniziert, wo wir erfahrungsmässig stehen, es sein kann, dass nochmal nachgestochen werden muss und dass nicht alles realisiert werden kann, was die Modelle sich wünschen – weil wir längst nicht das Wissen von einem „richtigen“ Tätowierer haben. Meistens sind die Modelle, die wir haben, aber sehr dankbar für ein einfaches, fast kostenloses Tattoo und sind extrem geduldig mit uns! Ich nehme als Beispiel mal mein letztes Wochenende her; Donnerstags habe ich mich auf das Modul „black and grey“ vorbereitet, indem ich alle Videos, die ich zu dem Thema finden konnte, durchgeschaut habe, Skizzen und Notizen wurden gemacht – auch habe ich schriftlich festgehalten, was mir wichtig ist und in welche Richtung ich arbeiten möchte.

Freitags hat sich die Gruppe in der Akademie zusammengefunden – zwei Trainer haben uns Fünf das Schattieren, Farbverläufe und das Verdünnen des Schwarzes gezeigt, an der Kunsthaut wurde dann geübt, bis die Trainer halbwegs zufrieden waren. Natürlich ersetzt ein einziger Tag keine jahrelange Übung, das ist klar. So weit sind wir natürlich nicht, was uns regelmässig durch die Strenge der Ausbildner in Erinnerung gerufen wird. Samstag und Sonntag kamen meine beiden Modelle, welche ich bereits im Modul „outlines“ tätowieren durfte. Ich hab mich unglaublich gefreut, sie wieder zu sehen und hatte dabei auch gleich die Möglichkeit, meine Arbeiten im abgeheilten Zustand zu sehen.

Ich muss sagen, dass das Konzept der Tattooakademie einen sehr fundierten Eindruck auf mich macht. Wahrscheinlich lernt ihr dort an den Intensivtagen mehr, als manch einer in seiner Ausbildung im Studio. Was passiert am Ende der Ausbildung? Bewerbt ihr euch dann als Akadmie-Absolventen in Studios oder wurde euch ein anderer Weg angeraten?

Hihi, ohje, das kann ich gar nicht beurteilen! Es ist recht unterschiedlich, je nach Stand der ausgebildeten Person; manchen wird geraten, doch noch ein Jahr zu üben, es langsam anzugehen und erst dann zur Befähigungsprüfung anzutreten- diese benötigt man in Österreich, um ein Gewerbe zu eröffnen. Für mich haben sich einige Kontakte ergeben, die ich durch die Akademie knüpfen konnte. Zum Beispiel habe ich Lena kennen gelernt; sie hat das Modul Zeichnen geleitet und sofort waren wir uns unendlich sympathisch. Inzwischen können wir uns gar nichts anderes mehr vorstellen, als gemeinsam das Studio zu eröffnen! Ohne die Netzwerkstätte Tattooakademie wäre das vermutlich gar nicht so wunderschön passiert, wie es jetzt ist.

Ein anderer Absolvent der Akademie möchte uns unterstützen und hat uns eingeladen, in seinem Studio Praxistage zu machen. Auch eine Gelegenheit, die wir dankend annehmen, da wir unter seiner schützenden Hand tätowieren können, und die Praxisstunden sammeln dürfen, die uns dann bei der Befähigungsprüfung helfen werden. Zudem haben unsere drei AusbildnerInnen das Angebot in den Raum gestellt, dass wir gerne unsere Heimarbeiten, Zeichnungen und fertige Werke herzeigen können, sodass sie uns kritische, aber konstruktive Hilfestellungen geben können. Morgen zB fahre ich ins Studio einer Ausbildnerin, weil ich ihr zeigen möchte, was ich im letzten Monat so geschaffen habe. Ich nehme mir also nicht nur das Wissen aus der Akademie, sondern auch Freunde und ein gewisses Netzwerk mit, in dem ich aufgefangen werde, wenn ich Fragen habe oder unsicher bin. Ich glaube, der Beruf des Tätowierers, der Tätowiererin ist wahsinnig schwierig, wenn man alleine dasteht- daher fühlt es sich für mich richtig an!

Okay, das klingt sehr solide und bestärkt mich in meiner Annahme, dass die Ellbogengesellschaft ausgedient hat und Netzwerken immer wichtiger wird, um weiter zu kommen. Über diese Befähigungsprüfung würde ich gerne für einen separaten Artikel mit dir quatschen, denn das finde ich sehr interessant, doch es würde hier den Rahmen sprengen. Habt ihr schon einen Termin für die Eröffnung eures Studios? Gibt es schon ein Ladenlokal?

Gerne können wir darüber reden, wenn ich die Prüfung geschafft habe! 😀 Dann habe ich auch persönliche Erfahrungen, die ich mit deinen LeserInnen teilen kann. Einen direkten Termin haben wir noch nicht – bloß das „kleiner-Finger“- Versprechen, am 20.12.2020 etwas spürbares zu haben. Entweder einen kleinen Namen mit Stammkunden, ein Geschäftslokal oder schon das fertige Studio! In Österreich ist es so, dass man erst ab der Befähigungsprüfung gründen kann, sprich alles, was davor passiert, ist im Grunde genommen nicht erlaubt und eine Grauzone. Da hier das Tätowieren ein reglementiertes Gewerbe ist, und kein offenes wie in Deutschland, muss man eine Ausbildung vorweisen können, einen medizinischen Kurs absolvieren und auch gewisse Praxisstunden herzeigen. Ich begrüße dass sehr, da es so wirklich schwierig ist, als „Hinterhoftätowierer“ langfristig Fuß zu fassen, sprich ohne Gewerbeschein. Ich bin auch sehr vorsichtig, was Social Media betrifft – ich möchte keine Werbung für meine Tätowierungen machen, bevor es keinen offiziellen Rahmen bekommt. Aber den Ausbildungsstand herzeigen ist natürlich in Ordnung, vor allem dann, wenn es im Rahmen der Ausbildung passiert!

Man merkt, du bist eine Frau mit Power, mit Zielen und einem gut durchdachten Plan! Auch ich würde es begrüßen, wenn es in Deutschland einen geregelten Berufszugang oder Gewerbezugang geben würde. Nicht, weil ich Angst vor Konkurrenz in Form von Hinterhoftätowierern habe, sondern weil sich wahrscheinlich alle, so wie ich, eine einheitliche Ausbildung gewünscht hätten. Aber so lange das nicht der Fall ist, müssen wir uns selber helfen und eigene realistische und verantwortungsbewusste Wege suchen. ich denke, du bist auf einem guten Weg und wünsche dir von Herzen viel Erfolg bei deiner beruflichen Laufbahn!

Danke danke! Deine Worte freuen mich wirklich! Lena und ich haben auch diesbezüglich Pläne – wir wollen jungen Künstlern und Künstlerinnen die Möglichkeit geben, bei uns zu lernen. Ob das in Form von Workshops, berufsbegleitenden Praktika oder einer dauerhaften, bezahlten Lehre passiert, ist noch nicht ganz entschieden. Hauptsache es macht Spaß, bringt eine Zukunft und lässt das Schauermärchen vom bösen Knasttattoo verschwinden. Uns verbindet beide das Lehren, Lena arbeitet mit Kindern, ich schule Mitarbeiter ein – gemeinsam denken wir, dass junge Talente auch das Recht haben, eine Ausbildung zu genießen, ohne ausgebeutet zu werden. Ich freue mich schon soo so sehr auf die Zukunft, kann es gar nicht abwarten, bis wir den Schlüssel zum eigenen Laden erhalten und das allererste Mal aufsperren. Es wird ein langer Weg sein, aber die Tattooakademie ist mein erster Schritt in die richtige Richtung!

Das klingt visionär und super positiv – wunderbar! Ich danke dir für deine Offenheit und wünsche dir weiterhin viel Freude in der Tattooakademie!

Wenn du die Entwicklung von Kathryn verfolgen möchtest oder sie zum Thema Tattooakademie kontaktieren möchtest, findest du sie auf folgenden Kanälen:

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2 Kommentare

  1. Ein wirklich sehr interessantes Interview! Wahnsinn wie unterschiedlich Österreich zu Deutschland ist.
    Ich freue mich schon mehr über die Prüfung zu erfahren.

    Liebe Grüße.

  2. Danke für das tolle Interview! Finde es auch interessant, welche Unterschiede es doch gibt zwischen Deutschland und Österreich. Generell würde ich das Land aber auch gerne mal besuchen, um mir davon ein eigenes Bild zu machen. Immer spannend finde ich, wie Menschen zu solchen Tätigkeiten kommen. Hier ist es aber wenig verwunderlich, dass sie von einer Kunstschule kommt. Bei mir war es aber auch so, dass sich verschiedene Berufe gemacht habe, bevor ich dort gelandet bin, wo ich jetzt bin. In einem Obdachlosenheim habe ich zwar noch nicht gearbeitet, hört sich aber bemerkenswert an. Ich kann aber verstehen, dass man am Anfang der Karriere etwas selbstkritisch ist. Am Ende ist man dann aber doch froh, dass man es gewagt hat. Ich selber steche keine Tattoos, habe aber eine gute Freundin, welche das schon länger macht. Ich habe sie in der Berufsschule kennengelernt, wo sie das noch nebenbei gemacht hat. Damals hatte sie noch ihr eigenes Equipment (ich meine von magic-moon-shop ). Das hat sie mir mal gezeigt und ich war erstaunt, was sie alles angesammelt hatte. Daher habe ich schon großen Respekt vor Tätowierern, weil man wirklich viel Know-How mitbringen muss. Aber es ist ja auch noch kein Meister vom Himmel gefallen.

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