Mini-Tattoos
süß, aber aufwendig!

Mini-Tattoos erfreuen sich größter Beliebtheit

Ihr seht sie bestimmt auch immer häufiger. Modeblogger, Stars und diverse Posts auf einschlägigen Bildportalen, wie Instagram und Pinterest machen es vor und bestätigen den Trend zum Mini-Tattoo. Gern gewählt werden reine Outline-Tattoos. Kleine Herzen, Anker, winzige Wörter oder kurze Sätze, sowie einzelne Buchstaben und Blümchen. Der Vollständigkeit halber möchte ich auch die Pfoten und Sterne erwähnen, auch wenn ihre Erfolgskurve den Zenit bereits überschritten hat. Mini-Tattoos werden von fast allen Kundengruppen gern gewählt. Für Anfänger aufgrund ihrer geringen Größe sind sie gut geeignet, ebenso für erfahrene Tattookunden, die mal wieder etwas neues brauchen, aber im Moment nicht so viel Budget oder nur noch wenig Haut zur Verfügung haben.

Kleines Tattoo – Kleiner Preis – schnelle Nummer?

Immer häufiger bekomme ich Anfragen nach kleinen Tattoos, die dann auch möglichst zeitnah und günstig gestochen werden sollen. Oder Kundin XY kündigt eine Stunde vor ihrem Termin an, dass ihre Freundin mitkommt, sie möchte ja nur schnell ein kleines Herz am Handgelenk. Erst vor wenigen Tagen habe ich mich wieder überreden lassen, nach Feierabend noch rasch ein Geschwister-Tattoo zu stechen. Sie wollten auch das fertige Motiv mitbringen und es sei ganz klein. Klein war es in der Tat. Präsentiert wurde mir ein Instagram-Foto auf dem Smartphone, auf dem eine Bloggerin ihren Knöchel fotografiert hatte, den ein winziger Anker zierte. Mit dieser Vorlage konnte ich aus mehreren Gründen nichts anfangen. Keine Sorge, ich langweile euch jetzt nicht mit irgendwelchen Copy-Right-Verletzungen, weil ein Mädchen in Florida, USA diesen Anker bereits tätowiert hat. Ich möchte den zeitlichen, mentalen und finanziellen Aufwand darstellen, den solche Wünsche nach sich ziehen.

Das Foto konnten wir als Vorlage nicht verwenden, erstens ist der Anker auf dem Foto durch den Knöchel der Abgebildeten perspektivisch verzerrt und bei genauerem Hinsehen, war er auch nicht symmetrisch gezeichnet. Ein neuer Anker musste konstruiert werden, da die beiden auf keinen Fall einen „Google-Anker“ wollten. Wer schon einmal einen Anker gezeichnet hat, weiß, dass man das nicht in 5 Minuten macht. So probiert man hin und her, faltet Transparenzpapier, kopiert größer und kleiner, fügt ein kleines Herzchen ein und ehe man sich versieht ist eine ganze Stunde nur für die Vorbereitung verstrichen. Jetzt kann es ernst werden.

Wo platziert man ein winziges Tattoo auf 2qm Haut, damit es auch zur Geltung kommt?

Beim riesigen Segelschiff auf dem Oberarm ist es klar: mittig, nicht zu niedrig. Bei einem kleinen Anker ist es schwieriger – auf dem Handgelenk vielleicht, aber nicht ganz mittig, sondern etwas schräg? Oder doch lieber auf dem Knöchel, wie auf dem Instagram-Foto? Fotos werden gemacht und verschickt, man diskutiert und wartet auf einen Rat von Mutti via WhatsApp, die nicht so flott mit dem Handy ist.

Sitzt das Stencil endlich zum Wohlgefallen aller auf der Haut, kann das Stechen beginnen

Eine heikle Angelegenheit für den Tätowierer. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie hoch das Fehlerpotential bei einem 2x2cm großen Anker ist. Unterläuft ein einziger Wackler, fällt er garantiert jedem sofort auf und ruiniert das ganze Tattoo. Bei einem acht-farbigen, feuerspuckenden Drachen auf dem Unterschenkel fällt die gleiche Verwackelung in der Linie niemanden auf. Nach 2,5 Stunden (davon wurden 15 Minuten tätowiert) sind dann beide Geschwister fertig und leicht irritiert, wenn ich von jedem 80 Euro für meine Arbeit einfordere.

Wenn es ganz klassisch abläuft, kommt noch der Lieblingsspruch aller Tätowierer: „Deinen Stundenlohn möchte ich haben.“

 Nicht zu verachten ist auch die Nachstech-Rate bei kleinen Tätowierungen.

Wie der eben angesprochene kleine Wackler in der Linie, so verhält es sich auch mit kleinsten Farbpigmenten, die während der Abheilung verloren gehen – sie fallen sofort auf. Nachstechen einer kleinen Tätowierung bedeutet für den Tätowierer, dass er exakt den gleichen Materialaufwand nochmal betreiben muss, als würde er das Tattoo neu stechen. Auch dieser Umstand ist im Preis einkalkuliert.

 

Was ich damit sagen möchte, wird langsam klar: Die Mini-Tattoos sticht man nicht „mal eben“

Sie brauchen eine solide Vorbereitung, bei ihnen muss jede Linie stimmen, die Platzierung will sorgfältig gewählt sein. Und als wichtige Randnotiz: der hygienische Aufwand ist fast der gleiche, als würden wir einen acht-farbigen, feuerspuckenden Drachen tätowieren. Trotzdem steche ich sie gern. Ich habe mir eine eigene Methode entwickelt, mit der ich den Blow-Out-Faktor auf ein Minimum reduzieren kann und ich arbeite einfach gern kleinteilig und detailliert. Ich nehme diese kleinen Tätowierungen sehr ernst und möchte mit diesem Text darauf aufmerksam machen, dass auch der Träger der Mini-Tätowierung diesen Aufwand zu schätzen wissen sollte.

Einige Tätowiererkollegen lehnen solche kleinen Tattoos inzwischen sogar ab, da sie keinen nennenswerten Gewinn einbringen, aber mit dem eben erwähnten hohen Fehlerpotential und Zeitaufwand sehr anstrengend werden können.

Ich hoffe, dass ich verständlich deutlich machen konnte, warum Mini-Tätowierungen nicht „mal eben ungeplant“ und nicht für einen Dumping-Preis tätowiert werden können. Schließlich bleiben auch die kleinen Körperverzierungen für immer und sollen euch ein Menschenleben lang glücklich machen. Habt ihr auch Mini-Tätowierungen? Oder sind Tätowierer unter den Lesern, die sagen: „Bleib‘ mir weg mit dem Kleinzeug, das ist mir viel zu lästig!“ oder eine ganz andere Meinung zu dem Thema haben?
Schreibt gern in die Kommentare!

  1. Meine liebste Esther,
    an aller erster Stelle möchte ich Dir gratulieren zu Deinem schönen Blog! Ich bin so gespannt auf all die tollen Beiträge, die es hier zu lesen geben wird!
    Ich musste wirklich herzhaft lachen, beim Lesen Deines ersten Artikel, denn auch, wenn wir auf den ersten Blick unterschiedliche Berufe haben, so ähnelt eines sich doch sehr: die Vorstellung unserer Kunden, was unser Honorar anbelangt.
    Es ist genau das Selbe, wie diese lästigen Kooperationsanfragen von Firmen, die einem gern ein Parfum für 50 Euro schenken möchten im Autausch für einen kompletten Blogpost inkl. Social Media und dann mit völligem Unverständnis reagieren, wenn man dieses dankend ablehnt.
    In einer Welt voller Discounter, Internet Versandhäusern und Dumpinglöhnen trotz Mindestlohn ist scheinbar niemand mehr bereit für Qualität etwas zu investieren oder die Arbeit und den Aufwand des Anderen zu schätzen zu wissen.
    Bei einer Tätowierung habe ich null Verständnis für so eine Haltung . Hygiene ist so wichtig und die Tätowierung begleitet mich ein ganzes Leben! Da möchte ich nicht sparen!

    xo Rebecca
    https://pineapplesandpumps.com/

    1. Liebste Rebecci,
      ja du hast Recht und zum Glück ist es wirklich der kleinere Teil der Kunden, der mit einer Discounter-Mentalität zum Tätowierer geht, aber es kommt immer noch zu oft vor!
      Wir haben schon oft über Firmen gesprochen, die ja eigentlich das Geld haben, um Selbstständige angemessen zu bezahlen.. Man kann nur hoffen, dass alle Blogger gemeinsam ihre Haltung durchsetzen, um in dieser Einstellung grundlegend etwas zu ändern.
      Liebe Grüße nach München! <3

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